Hartmut Böhme und Beate Slominski (Hg)

Hrsg. v. Hartmut Böhme u. Beate Slominski. Verlag Wilhelm Fink, München 2013, ISBN 978-3-7705-5512-3, geb. m. Schutzumschl. im Lexikonformat, 346 S.,
zahlreiche Abb., € 39,90

Das Orale - man weiß mit dem Begriff aus dem Lateinischen etwas anzufangen, scheitert aber beim Versuch, ihn mit einem Wort ins Deutsche zu übersetzen. Es ist eines dieser Dingworte, denen kein definiertes Ding zugeordnet werden kann. In unserer Sprache sagt der Mund nicht per se aus, ob damit der lippenverschlossene und zahneingehegte Zugang zum Raum dahinter, dieser selbst oder beide im Verein gemeint sein wollen. Man träumt ja schließlich nicht beim Küssen Ihrer Hand von Ihrer Mundhöhle, Madame, zumindest nicht bewusst.

Die Herausgeber dieses Sammelbandes, eine Zahnärztin und ein Literaturwissenschaftler, haben eine Menge Stoff zwischen die Buchdeckel gepackt mit dem offensichtlichen Ziel, die Region des Oralen aus einer anderen als nur der topografischen Sicht zu betrachten, in der sich die Zahnärzte exklusiv zu Hause wähnen. Sie werden hier eines anderen belehrt. Die fünfunddreißig Autorenbeiträge unterschiedlichster Provenienz und Tiefe werden von Vertretern humanwissenschaftlicher, medizinischer und weiterer Sparten beigesteuert. Sie liefern, ob eigens für diesen Auftrag erzeugt oder aus der Fülle eines Lebenswerkes geschöpft, Schriften von meist hoher Qualität, auch mit Tiefgang. Das spezifische Vokabular einiger Autoren muss sich der unbedarfte Rezensent mitunter jedoch mühsam über Lexika oder die PC-Tastatur erschließen.
Die sehr hilfreiche Einführung der Herausgeber ist ohne Abstriche lesenswert und sollte wahrgenommen werden. Das Buch ist dann in größere thematische Abschnitte gegliedert. Es handelt sich dabei um
-    Grundlagen zu einer Kultur- und Wissensgeschichte der Mundhöhle
-    Zur Psychodynamik der Mundhöhle
    Trauma - Wahn - Tod
-    Zahnmedizin im kulturellen Kontext, Bilder - Stimmen - Schriften, Zeitgenössische Kunst.
Zwischen die Beiträge sind sog. Intermezzi eingeschoben, illustrierte Blätter mit Bildlegenden, auf der Rückseite mit einem Kommentar zu den Bildern. Sie werden als willkommene geistige Lockerungsübungen und als inhaltliche Einstimmung auf den nächsten Text gern angenommen. Das Buch ist auch sonst reich illustriert, streckenweise schon fast ein Bildband. Die einzelnen Autorenbeiträge haben den Bezug zum Buchtitel, sind aber inhaltlich unabhängig voneinander, jedoch miteinander verwandt. Man muss es also nicht im Stück lesen. Die Texte sind zweispaltig gedruckt, was das Lesen und Erfassen erleichtert. Literaturangaben befinden sich am Ende eines jeden Artikels.
Das Gesamtwerk macht den Eindruck, dass sich hier ein berufener Kreis von Intellektuellen zum Thema des Oralen im realen oder virtuellen Salon ausgetauscht hat unter Berufung auf eigene wissenschaftliche oder sachkundige Kompetenz. Sicher handelt es sich um ein besonderes und auch erlesenes Fortbildungsangebot der Herausgeberin und Gründerin des zahnärztlichen Fortbildungsinstituts „Wissenschaft und Kultur“ in Berlin. Man darf sich ein exquisites Ambiente dazu vorstellen. Die Inhalte gehen weit über das Zahnmedizinische hinaus. Eine besonders enge Beziehung besteht zur klassischen und zeitgenössischen Kunst. Letztere ist u. a. in einer kleinen Galerie am Ende des Buches vertreten.
Die zahnärztlichen Beiträge sind Darstellungen etablierter Fachvertreter und richten sich offensichtlich an Leser außerhalb des Berufsstandes. Den Zähnen selbst wird jedoch anhand von Bibel, Literatur, bildender Kunst und anderen Quellen ausreichend Beachtung geschenkt. Auch die Zunge als das kleine Glied, das große Dinge anrichtet (s. Jakobusbrief im NT), spielt da ihre Rolle, wie überhaupt die psychologische Strecke mit ihren Verzweigungen in den Beiträgen gut ausgebaut ist.
Der Leser findet sich und seine orale Existenz in dieser Sammlung wieder, oft mit Erkenntnisgewinn. Handelt es sich doch bei dieser Region um eine seiner Intimzonen und Konfliktbereiche, einen Ort der Entfaltung des Lebens, einen Umschlagplatz zwischen Leib und Seele. Solchem Anspruch wird das Werk mit einigem Erfolg gerecht.
Man sollte sich von dem tückischen Titelbild nicht verschrecken lassen. Es zeigt sinnfällig die aggressivste Seite des Oralen, nicht einmal einen Mund sondern das Maul einer imaginären Bestie, in das man nicht geraten möchte. Es ist ein geistreiches Buch, preisgünstig dazu und zum Gebrauche zu empfehlen, nicht nur für Zahnärzte.

F.T.A. Erle, Magdeburg