Dr. med. Jutta Warich geb. MarkworthIn Memoriam

23.06.1942 - 17.02.2013

Am 24.Februar d.J. verstarb die Kinderärztin Frau Dr. med. Jutta Warich, unsere ehemalige Chefin, Kollegin, Freundin und sehr beliebte Kinderärztin für viele Kinder, ehemalige Kinder und behinderte bzw. von Behinderung bedrohte Kinder der Stadt Magdeburg und des ehemaligen Bezirks Magdeburg.

Wir, die „Ehemaligen“, das sind die MitarbeiterInnen der Abteilung Entwicklungsrehabilitation für entwicklungsgestörte Kinder, das sich bis 1992 in der Bernhard-Kellermann-Str. Magdeburg, dem Standort des jetzigen KITA Kuschelhaus des Kinderförderwerks Magdeburg e.V., befand.

Für uns alle viel zu früh wurde sie durch den Tod aus unserer Gegenwart gerissen. Besonders schmerzlich ist der Verlust für ihre Tochter, Frau Dr. med. Michaela Warich-Kirchen (FÄ für Neuropathologie) und alle anderen Familienmitglieder, denen unser Mitgefühl gewiss sein soll.

Jutta Warich hat einige Zeit in der Abteilung Mutter und Kind des Rates des Bezirkes Magdeburg mitgewirkt, bevor sie für längere Zeit die Leitung der Ambulanz der Kinderklinik der Medizinischen Akademie Magdeburg in der Wiener Str. (E.-Larisch-Weg) übernahm.
Sie war Mitglied der Facharztprüfungskommision des Bezirkes Magdeburg und etliche KollegenInnen haben ihre Prüfung im Fach Pädiatrie durch Kollegin Warich gut erlebt oder überstanden.

Ihre besondere Aufmerksamkeit galt der Entwicklungspädiatrie und deshalb übernahm sie – nachdem sie einige Jahre die „Entwicklungssprechstunde“ in der Klinikambulanz führte – die Abteilung Entwicklungsrehabilitation für Kinder als eine Abteilung des damaligen Bezirksrehabilitationszentrums unter Leitung des Bezirksarztes bzw. des Bezirksrehabilitationsarztes.
Aus heutiger Sicht wäre etwa der Sozialminister des Landes Sachsen-Anhalt dann unser Vorgesetzter gewesen.
Die Abteilung Entwicklungsrehabilitation mit angeschlossener Tagesstätte (Kinderkrippe, -garten) in der Kellermann-Str. war quasi Jutta Warichs zweites ideelles Kind. Unsere Einrichtung war gleichzeitig Ambulanz, Beratungsstelle, Therapie- und Fördereinrichtung und Tagesbetreuungsstelle für die Kinder.
Im Krippenbereich zuerst integrativ (inklusiv) arbeitend, schloss sich dann den Erfordernissen folgend auch die integrative Kindergartenbetreuung an. Diese personelle Besetzung (Ärzte, Psychologen, Sonderpädagogen Sprechwissenschaftler (Logopädie), Physiotherapeuten und Erzieher – der Begriff Ergotherapie entwickelte sich damals erst - und die räumliche Ausstattung waren einmalig in der DDR und auch nach der „Wende“ wohl einmalig in der Bundesrepublik Deutschland. Dies bestätigte uns auch Professor Hellbrügge aus München, der „Vater“ der Münchner funktionellen Entwicklungsdiagnostik, während seines Besuches 1991 in unserer damaligen Einrichtung.
Die direkte Zusammenarbeit aller am Kind beteiligten und um das entwicklungsgestörte Kind bemühten Personen, Diagnostiker, Therapeuten, Förderer und Berater in einem Haus wurde von den Eltern der betroffenen Kinder als ausgesprochen helfend und günstig empfunden.
Wir als Team haben diese Art der Zusammenarbeit als optimal und effektiv für die Betroffenen angesehen und außerdem hat jedes Fachgebiet relativ viel über die jeweiligen Aspekte der anderen Fachgebiete mit in die eigene Arbeit einfließen lassen können.

Es ist für den Problemverarbeitungsprozess der Eltern ungeheuer wichtig, dass die betreuenden Fachrichtungen und jeder mit und für den Patienten Arbeitende in etwa den gleichen Informationsstand haben. Dies vermeidet Missverständnisse und bereitet eine bessere Basis für die Konfliktverarbeitung , die die Eltern durchleben, wenn mögliche Entwicklungsstörungen festgestellt werden bzw. gesundheitliche Störungen diagnostiziert werden und/oder die Kinder von Behinderung bedroht sind.
Jutta Warich verstand es als Chefin zu fördern und zu fordern. Konstruktive Kritik wurde stets angenommen und Ideen, die die Arbeit mit den Kindern und ihren Eltern voranbrachten, wurden immer mit Interesse aufgenommen und unterstützt.

Sie ging mit selbstverständlichem Einfühlungsvermögen, hoher Fachkompetenz und viel Empathie mit den Kindern und ihren Angehörigen um. Ihre Art der Annahme einer lebensbeeinflussenden Behinderung erleichterte es den Eltern oft, das eigene Kind mit seinen Problemen zu akzeptieren und selbst Fach- und Erziehungskompetenz zu entwickeln.
Nach der Wende konnte oder durfte unsere Abteilung in der bestehenden Form (sicher auch aus abrechnungstechnischen Gründen und weil es eben so etwas in den westlichen Ländern nicht gab (?)), nicht fortbestehen. Es erfolgte eine „Dreiteilung“. Das SPZ in MD-Ottersleben (ehemalige Kinderklinik des Krankenhauses Altstadt) in der Trägerschaft der Caritas ist sozusagen der medizinische Teil, der fortgeführt wurde.

Für Jutta Warich bedeutete damals diese Aufsplittung der Abteilung Entwicklungsrehabilitation sicher einen Rückschritt.
Jede Abteilung für sich (die anderen Teile sind die Einrichtungen des Kinderförderwerkes mit der Tagesstätte Kuschelhaus und die Frühförderstelle der Stadt Magdeburg in der Lumumbastr.) leistet auch heute noch eine ausgezeichnete Arbeit, aber die Eltern haben Schwierigkeiten, diese mehrspurige Diagnostik und Therapie kooperierend zu verstehen und zu begleiten. Auch und gerade deshalb, weil sie sich eben in den ersten Lebensjahren ihres Kindes bei Unsicherheiten in der Entwicklung immer in einer Annahmekrise befinden. Jutta Warich brachte sich im SPZ unter der Leitung von Professor Gedschold weiter ein und hat mit ihrer offenen und fürsorglichen Art den Patienten und Mitarbeitern gegenüber schnell das Vertrauen der kleinen Patienten und ihrer Angehörigen erhalten.

Leider musste sie sich aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig aus dem aktiven Berufsleben zurückziehen, blieb aber weiter für Viele ein Ansprechpartner und war immer an der Weiterentwicklung der Diagnostik und Therapie entwicklungsgestörter Kinder interessiert.

Wir verneigen uns vor ihr als Ärztin, die ihren Beruf immer als Berufung empfunden hat und werden sie stets in dankbarer Erinnerung behalten.