Wagner hatte damals zu einem Konzert in den Saal des Gasthofs „Zur Stadt London“ eingeladen und ihn, obwohl die berühmte Sopranistin Wilhelmine Schröder-Devrient gastierte, nur halb füllen können. Als er mit der Aufführung von Beethovens „Schlacht von Vittoria“ doch noch zu siegen hoffte, verließen die wenigen Besucher fluchtartig den Saal. Auch die Uraufführung seiner frühen Oper „Das Liebesverbot“ in dem schönen von Erdmannsdorf erbauten Theater geriet zum Debakel. Leider findet sich von diesem auch kulturhistorisch bedeutsamen Haus, in dem auch die eigentliche Uraufführung von Lessings „Nathan“ stattgefunden hat, heute keine Spur mehr. Denn es wurde im zweiten Weltkrieg zerstört, nachdem es schon im 19. Jahrhundert zur Turnhalle umgenutzt wurde. Die belastenden Erinnerungen an seine Anfangszeit mögen Wagner durch den Kopf gegangen sein, als er im Theater von Dessau, seinem nächsten Reiseziel, so hoch geehrt wurde. Er lobte die Dessauer Vorstellung als edle und vollkommene Gesamtleistung des Ensembles und lernte den Ballettmeister Richard Fricke kennen, der sich sowohl für Wagners Familie, als auch für die Festspiele engagierte. Als die Vorbereitungen dazu im Jahre 1875 begannen, hatte der Komponist einen noch schwereren Herzanfall hinter sich, der ihn am 02. April 1874 beim Spaziergang durch den Garten der Villa Wahnfried ereilt hatte. In der Tagebucheintragung Cosimas heißt es, dass er dabei zu ersticken glaubte. Besserung setzte jedoch ein, als er stehen blieb. Die Ärzte dachten auch diesmal nur an Unterleibsbeschwerden. Das mutet umso befremdlicher an, als die Symptomatik der Angina pectoris schon 100 Jahre vorher von Heberden beschrieben worden war. Obwohl er an einem schmerzhaften Zahnabszess litt, der seine Wange unförmig aufschwellen ließ, begann Wagner, der seine Schmerzen mit Chloralhydrat betäubte, im Juni 1876 mit den Proben für die Festspiele.

Über die vorangegangenen Vorproben schrieb der schon erwähnte Dessauer Ballettmeister Richard Fricke: „Er springt zwischen die Singenden, stellt sich neben sie und macht die Gesten vor.“ Schließlich verführte ihn seine Vorliebe für die Akrobaten, die er schon als Kind im Jahre 1821 während seines kurzen Aufenthaltes in Eisleben auf dem Marktplatz der kleinen Stadt bestaunt hatte, zu eigenen „artistischen Leistungen“. So berichtete Fricke über die Walkürenproben: „Es war geradezu ängstlich mit anzusehen, mit welcher Lebhaftigkeit Wagner nun oben auf Bergeshöhen den Kampf leitet… Gerechter Himmel, wenn er nur herunterginge; wenn er fällt, ist ja alles aus.“ Dabei wusste Fricke, wie all die anderen, nichts von Wagners Koronarer Herzkrankheit. Denn selbst als sich 1877 nächtliche Herzbeklemmungen einstellten, die ihn zwangen, sich im Bett längerfristig hinzusetzen und im folgenden Jahr „Stiche in der Brust“ auch in Ruhe auftraten, hieß es in Cosimas Tagebuch: „Der Doktor leugnet jedes Brust- oder Herzleiden.“ Dabei zählt man die Angina pectoris nocturna heutzutage zu den instabilen Formen der Angina pectoris.

Bei den Proben freilich mag er vor allem wegen seiner herzhaften Deftigkeit gesünder gewirkt haben, als er war. So rief er dem Sänger des Zwerges Mime zu, dem er die Anweisung erteilt hatte, sich den Rücken zu streichen: „Sie können das Streichen des Rückens schon weiter ausdehnen und sich herzhaft den Arsch streichen!“ Und als er gefragt wurde, von welcher Seite die eifersüchtige Fricka aufzutreten habe, antwortete er: „Links, der Teufel kommt immer von links.“ Da mag der Komponist an seine erste Frau Minna, geborene Planer, gedacht haben, die er in Bad Lauchstädt während seines ersten Engagements als Kapellmeister der Magdeburger Theatertruppe kennengelernt hatte, die im Sommer das Jahres 1834 das schöne Goethetheater bespielte. Die zunächst sinnlich erfüllende Ehe der beiden endete in albtraumhaften Eifersuchtsszenen und Auseinandersetzungen, die 1862 zur endgültigen Trennung führten. Minna war zu diesem Zeitpunkt freilich schon schwer herzkrank und starb im Jahre 1866 an einer Herzschwäche. Ihre Herzrhythmusstörungen wurden schon relativ früh erkannt und mittels „Herzkuren“ behandelt, während Richard Wagner selbst wegen einer „katarrhalischen Disposition“ noch 1877 nach Bad Ems geschickt wurde. Wen wundert es, dass ihm das Emser Wasser nicht bekam. In der zweiten Hälfte des Jahres 1878 überfielen ihn, wie schon angedeutet, erneute Herzbeklemmungen mitten in der Arbeit am Parsifal, die zunehmend den Charakter einer instabilen Angina pectoris annahmen und Wagner zu den ahnungsvollen an Cosima gerichteten Worten veranlassten: „Du wirst sehen, ich sterbe Dir unter der Hand weg.“ Nach einem erneuten Krampf im September 1879 flüstere er seiner Frau vor dem Einschlafen zu: „Glaubst Du, daß man lächelnd sterben kann?“

Im Parsifal, seinem Weltabschiedswerk, an dem er damals arbeitete, findet sich wohl nicht von ungefähr die Regieanweisung, wonach der Gralskönig Amfortas die Hände krampfhaft zur Brust zu führen habe, bevor sich der Schmerz im Gralswunder löste. Dieses Werk, von dem Wagner frühzeitig ahnte, dass es sein letztes sein würde, vollendete er im Januar 1882. Die Arbeit wurde von immer heftiger werdenden Herzkrämpfen, Unterleibsbeschwerden und einem letzten Ausbruch seiner Gesichtsrose begleitet, woran auch eine Reise in den Süden nichts ändern konnte. Ja, bei der Rückreise ereignete sich am 29. April 1882 eine besonders heftige Herzattacke. Die Uraufführung des Parsifals fand am 26. Juli 1882 statt. Auch daran waren neben Wilhelm Fricke wieder viele Musiker aus Dessau beteiligt, das bald selbst zum Bayreuth des Nordens werden sollte. In der fünften Aufführung fanden ihn jedoch sein Diener Schnappauf und der Sänger Scaria auf einem Sofa liegend, wild um sich schlagend und nach Luft ringend, wobei er sich zunehmend blau verfärbte. Ein kurzer Bewusstseinsverlust deutete auf eine bradykarde Rhythmusstörung hin. Bald kam er zu sich und murmelte: „Dieses Mal bin ich noch davongekommen.“ Noch einmal reiste er mit seiner Familie nach Italien und traf am 16. September 1882 in Venedig ein. Erneut überfielen ihn hier Herzanfälle, die freilich von dem behandelnden Arzt Dr. Keppler immer noch nicht erkannt wurden. Immerhin rief er am 10. Januar 1883 einen Konsilarius namens Dr. Kurz hinzu, der eine „Magen-Neuralgie“ diagnostizierte. Nun wurde er mit Massagen behandelt. Außerdem führten die Ärzte mehrfach Magensonden ein. Auch das schon übliche Baldrian und Laudanum (Opium) wird man ihm verordnet haben, das damals schon verfügbare Amylnitrat aber leider nicht. Freilich hätte man auch bei richtiger Diagnose sein Leben sicher nicht verlängern können. Am 12. Februar 1883 nahm der Dirigent Hermann Levi, der ihn in Venedig besucht hatte, Abschied von ihm, wobei Wagner ihm den Auftrag erteilte, Carrie Pringle, eines der Blumenmädchen aus dem Parsifal, die ihn schon in Bayreuth entzückt hatte, zum Vorsingen nach Venedig einzuladen. Darüber scheint es am Morgen des 13. Februar zu einer Auseinandersetzung zwischen ihm und seiner Frau gekommen zu sein. Er begab sich zu seiner Arbeit, die sich mit dem „Weiblichen im Menschlichen“ beschäftigte. Schon zu diesem Zeitpunkt hatte er heftige Herzkrämpfe. Plötzlich rief er mit schmerzverzerrtem Gesicht nach seiner Frau und dem Doktor. Der gegen drei Uhr eintreffende Hausarzt konnte nur noch den Tod feststellen. Auf dem Totenschein vermerkte er eine Perforation der rechten Herzkammer als Folge einer Magenüberblähung. Der gesamte Verlauf von Richard Wagners Herzkrankheit spricht jedoch dafür, dass er an den Folgen der Koronaren Herzkrankheit gestorben ist, die sicher schon zu Infarkten geführt hatte. Freilich wusste man damals fast nichts über den Herzinfarkt. Denn einen Thrombus in der Koronararterie und einen Myokardinfarkt am Lebenden beschrieben 1876/1878 erstmals Adam Hammer und Carl Weigert. Das Herz des Dichter-Komponisten war gebrochen, just in dem Augenblick als sein „Riesenwerk“ vollendet war. Dass er aber ausgehalten hatte, ist das eigentlich Erstaunliche an ihm, denn, so formulierte es Thomas Mann: „Diese Schöpfungslast nun liegt auf Schultern, die keineswegs die eines Christopherus sind, einer Konstitution, so hinfällig dem Anschein und dem subjektiven Befinden nach, daß niemand es gewagt hätte, ihr zuzutrauen, sie werde lange aushalten und eine solche Bürde zum Ziele tragen.“

Dr. Dietmar Seifert