Ende November 2025 folgten zahlreiche Gäste aber einer besonderen Einladung: In der Bernburger Straße 20 öffnete die Dauerausstellung „Mediziner & Malerei“. So beherbergen künftig Erdgeschoss und Keller eine ganz spezielle Exposition, während nun Gäste der Hochschule die beiden oberen Etagen nutzen. Und sich, wie zwei kasachische Wissenschaftlerinnen berichten, dort wohlfühlen. Diese „Mischnutzung“ des Hauses mit dem kostenfreien Ausstellungsort ist der örtlichen Wohnungsgesellschaft zu danken, die das Gebäude erworben hat. Die Eröffnung der Dauerausstellung wirkt fast wie ein Studienjahrestreffen von Frauen und Männern in Klinikweiß, die in ihrer Freizeit Skalpell, Sonde, Bohrer, Kanüle und Reagenzglas gegen Töpferscheibe, Pinsel, Stift und Objektiv tauschen und seit vielen Jahren ihre Kunst an verschiedenen Orten präsentieren. Die Wurzeln von „Mediziner & Malerei“ stecken noch in DDR-Kulturbund-Zeiten. „Ich verstehe es als Herzensangelegenheit, was wir da seit 37 Jahren tun,“ so der Mittachtziger Peter Erdmenger.
Seit 1988 gibt es einen offenen Freundeskreis, eine mit Malerei befasste Interessengemeinschaft von „Medizinberuflern“. Menschen, die das gesamte medizinische Berufsspektrum abdecken; Krankentransporteure, Pathologen, eine Flechtinger Zahnärztin und ein Hallenser Professor, MTA und Laborantinnen, eine Neurologin aus Norwegen und eine australische Medizinstudentin, zählen die Vernissage-Besucher auf, die sich gegenseitig auf die Werke hinweisen, die nun in der von den Erdmengers kuratierten Exposition hängen und stehen.
Was die Ausstellung auszeichnet ist die Vielfalt der Sichten auf's Leben und die breitgefächerten Techniken, mit denen die Freizeitkünstler ihre Arbeiten gestalten: Pastell- und Schwarzkreidearbeiten, Ölbilder und stimmungsvolle Fotos, Scherenschnitte und Tonskulpturen. Was auffällt: Die Dres. Erdmenger haben sich dem Sammeln verschrieben. So geht der Besucher in der kleinen Galerie auf eine Exkursion. Akribisch gesammelt finden sich die Kataloge der „Mediziner & Malerei“-Schauen, sorgsam gestaltete Einladungen zu den Eröffnungen, akkurat ausgeschnittene Presse-Veröffentlichungen und Fotos von Mit-Gestaltern, die unterdessen die Palette aus der Hand gelegt haben und durch ihr Werk in der kleinen Galerie fortleben, und von jenen, die hier zu Gast waren. Große Namen finden sich im bebilderten Gäste-Buch – von Schriftstellerinnen und Kabarettisten, Sprachpflegern und Musikern. So gastieren zur Ausstellungseröffnung Kirchenmusikdirektorin Martina Apitz und ihr Mann Manfred mit Klavier und Geige. „Ein bisschen Bach muss hier in Köthen sein“, erklärt sie die Musikauswahl. Und regelmäßige Besucher des Erdmengerschen Refugiums erinnern sich, dass das Musiker-Ehepaar seit vielen Jahren immer wieder hier feine Töne erklingen lässt.
Prof. Dr. Uta Seewald-Heeg, die Vorsitzende des Vorstandes der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft und Wissenschaftlerin an der Hochschule Anhalt, freut es, dass die Arbeiten der Mediziner nun ein dauerhaftes Domizil in der Bernburger Straße von Köthen gefunden haben. Das Gebäude sei nicht sich selbst überlassen worden, sondern eine weitere Stätte für Kunstliebende in der Stadt. „Hier treffen sich Menschen, die selbst für Malerei und Kunst brennen.“ Uta Seewald-Heeg nennt es eine Kultur-Parterre, die viele Freunde der Malerei anziehen werde und weiter den Kulturkalender der Stadt bereichert. „In diesem Sinne ist das Ehepaar Erdmenger ein Kulturschenker für Köthen.“
Uwe Kraus