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Buchrezension

Krebs fühlen

Krebs fühlen

Bettina Hitzer

Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-608-98459-2, gebunden mit Schutzumschlag im Oktavformat, 540 Seiten, farbig und schwarz-weiß illustriert, 3. Auflage, 28,00 €

Die Autorin dieses umfangreichen und preisgekrönten Sachbuchs mit dem imperativ anmutenden und etwas irritierenden Titel Krebs fühlen ist Historikerin. Sie lehrt und forscht u. a. zur Geschichte der Gefühle und Emotionen, einer noch relativ jungen Sparte auf dem weiten Feld der Geschichtswissenschaften. Ihr hier bearbeitetes Objekt sind die mit der Krankheit Krebs verbundenen Emotionen.

Bettina Hitzer ist die jüngst auf den Lehrstuhl für Geschichte, Ethik und Theorie der Medizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Magdeburg berufene Professorin. Sie versteht sich als Bindeglied zwischen Öffentlichkeit und Wissenschaft. U. a. forscht sie zur Geschichte der Krebserkrankung bzw. den Umgang mit dieser schicksalhaften organischen Erkrankung und deren gesellschaftlichen Reflektionen. Als Geisteswissenschaftlerin begibt sie sich auf die historischen Pfade dieses Wissensgebietes und legt ihre Funde in Form der zum Buch gewordenen Habilitationsschrift hiermit auf den Tisch der Öffentlichkeit. Dessen bereits 3. Auflage weist auf ein erkennbares Interesse an den Ergebnissen der Studie hin.

Man kann es als enorme Leistung der Verfasserin ansehen, dass sie diesem Thema ausreichend Substanz abringt und ihm so eine nachvollziehbare Struktur verleihen kann. An den Anfang stellt sie die berührende, aber auch befremdliche Bildgeschichte einer Krebskranken, der Geliebten des Schweizer Malers Ferdinand Hodler. Er hatte ihr sichtbar fortschreitendes physisches Dahingehen chronologisch bis auf das Totenbett gemalt und so im Bild dokumentiert. Was dann die Fülle des Buches ausmacht, ist eine aus offensichtlich intensivem Studium von Dokumenten, Literatur und anderen archivarischen Quellen generierte Sammlung und themenbezogene Würdigung von Fakten, Zitaten und Entwicklungen. Das Schicksal Krebs, ausgangs des 19. Jahrhundert noch eine absolut infauste Diagnose, hier am Beispiel der Anamnese des deutschen Kaisers Friedrich III. beschrieben, verfolgt sie bis in die modernen Heilfortschritte im 20. Jahrhundert, ermöglicht durch die Entwicklung der Anästhesie, der operativen Medizin, der Strahlenheilkunde und der Chemotherapie. Es sind die gesellschaftlichen Erwartungen, die sozialen und juristischen Hintergründe und nicht zuletzt die weltanschaulichen bzw. religiösen und ideologischen Einflüsse, die den Weg des Umgangs der Gesellschaft mit der Krankheit geprägt haben. Sie lässt prominente Betroffene sprechen, wie die Schriftstellerinnen Brigitte Reimann und Maxi Wander bzw. beruflich und literarisch mit Krebs befasste Personen wie den Arzt und Schriftsteller Gottfried Benn. Sie besteht übrigens auf der Nomenklatur Krebs, der umgangssprachlichen Bezeichnung für jedweden bösartigen Tumor, gleich welcher histologischen Provenienz und Differenzierung.

Im ersten Kapitel geht es um Krebs erklären und erforschen. Es folgt der Abschnitt Krebs erkennen. Unter der Überschrift Über Krebs sprechen wird das zeitweise heftig und kontrovers diskutierte Thema der Diagnosemitteilung an die Patienten und ihr soziales bzw. verwandtschaftliches Umfeld ausführlich behandelt, um dann zu Krebs erfahren zu kommen. Die Gefühle Angst und Hoffnung, Ekel und Trauer sind emotionale Empfindungen, die aktiv oder passiv am Krankheitsverlauf Beteiligte im Laufe der historischen Entwicklung von der therapeutischen Machtlosigkeit bis zur Kobaltkanone bzw. der chemotherapeutisch gesteuerten Dia­gnosetherapie im fortgeschrittenen 20. Jahrhundert zu verarbeiten hatten. Den Abschluss des Buches bildet das Kapitel Krebs fühlen im 20. Jahrhundert, eine Art Resümee anhand des roten Fadens des Buchtitels. Ein Anhang von mehr als 100 Seiten zu den zahlreichen Quellen und anderen Rechercheergebnissen unterstreicht den wissenschaftlichen Charakter der Arbeit. Die Lektüre des Buches dürfte für Ärzte, Ärztinnen sowie Fach- und Pflegepersonal mit Erfahrungen in der praktischen Onkologie interessant und vielleicht sogar spannend sein. An der etwas theorielastigen Sprache sollte man sich nicht stören. Man kann dazulernen. König aller Krankheiten wird der Krebs am Rande des Buches und an anderer Stelle tituliert. Zuviel der Ehre! Diktator oder Terrorist wäre wohl in unserer heutigen Auffassung von Herrschaft zutreffender!

F.T.A. Erle, Magdeburg (Dez. 2023)

Cover: Verlag