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Das Gipfeltreffen der Heilberufe

Medizinische Versorgung in Nöten: Landespolitik will unterstützen

Medizinische Versorgung in Nöten: Landespolitik will unterstützen

Gemeinsam für Sachsen-Anhalt (v. l.): Prof. Heike Kielstein, Dekanin der medizinischen Fakultät der MLU Halle-Wittenberg, Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne, Prof. Daniela Dieterich, Dekanin der medizinischen Fakultät der OvGU Magdeburg, Prof. Uwe Ebmeyer
Foto: Peter Gercke

„Seelenruhe, Heiterkeit und Zufriedenheit sind die Grundlage alles Glücks, aller Gesundheit und des langen Lebens“, soll Christoph Wilhelm Hufeland (1762 – 1836) mal gesagt haben. Das klingt wunderbar einfach, die Heilberufe selbst sind freilich von diesen Empfehlungen des bekannten deutschen Mediziners derzeit weit entfernt: Bürokratie, mangelnde Budgets, Nachwuchsprobleme und schleppende Reformen drücken kräftig die Stimmung. Beim Pressegespräch und traditionellen Neujahrsempfang der Ärzte, Zahnmediziner, Apotheker, Psychotherapeuten und Tierärzte am 10. Januar im Haus der Heilberufe kommt das alles auf den Tisch – ein winziger Silberstreif ist auch dabei.

Als federführende Veranstalter haben in diesem Jahr die Apotheker das erste Wort. Auf der gut besuchten Pressekonferenz zeichnen Dr. Jens-Andreas Münch, Präsident der Apothekerkammer, und Mathias Arnold, Vorsitzender des Landesapothekerverbandes, ein ernüchterndes Bild: Nein, es steht nicht gut um die Zunft. Dabei mangelt es nicht nur an Nachwuchs. Nur 560 Apotheken gibt es noch in Sachsen-Anhalt. Zum Vergleich: Im Jahr mit der höchsten Angebotsvielfalt 2011 waren es 619. Die Schließungen sind dabei kein reines Problem ländlicher Gebiete mehr, sie „betreffen alle Regionen“, wie Dr. Münch betont. Gerade ältere Menschen, die weniger mobil sind und denen auch die Affinität zu Internet und Co. fehlt, kann der Mangel im schlimmsten Fall sogar lebensbedrohliche Folgen haben. Ein niederschwelliger Zugang mit der Möglichkeit der direkten und vor allem vertrauensvollen Kommunikation zwischen Apotheker und Patient, sei hier zwingend nötig. Arnold wird bei seinen Ausführungen ebenfalls deutlich: Apotheken drohe eine wirtschaftliche Katastrophe! Seit 2013 seien die Vergütungen nicht angepasst worden. Von einem Inflationsausgleich ganz zu schweigen: „Das muss sich umgehend ändern, wenn die sichere Patientenversorgung aufrecht erhalten bleiben soll.“ Und weiter: „Wir brauchen mehr Apotheker.“ Die Bürokratie verschlinge wertvolle Arbeitskapazitäten und zeuge obendrein vom tiefen Misstrauen der Kontrollinstanzen von Krankenkassen und Politik gegenüber den Apothekern. E-Rezepte und elektronische Patientenakten seien zwar eine durchaus nützliche Idee, doch was nützt all das, wenn die Technik versagt oder die IT und Programme noch derart unflexibel sind, dass sie dem Alltag nicht standhalten können? Dann wird aus schöner Theorie schnöde Tortur.

Dr. Jens-Andreas Münch begrüßte die Gäste
Fotos: Peter Gercke

Bei der Pressekonferenz: Prof. Uwe Ebmeyer warnte vor einer Gefährdung der Gesundheitsversorgung
Fotos: Peter Gercke

Ähnlich klingt es von den Kolleginnen und Kollegen der anderen Heilberufe: Der Mangel an Zahnärzten im Land etwa sei besonders gravierend, mancherorts könne nicht einmal die Akutversorgung garantiert werden, klagen Dr. Carsten Hünecke, Präsident der Zahnärztekammer, und Dr. Dorit Richter, Vize-Vorsitzende der Kassenzahnärztlichen Vereinigung, und nennen dazu einen traurigen Rekord: Erstmals gibt es in Sachsen-Anhalt weniger als 1.500 Vertragszahnärztinnen und -ärzte, 40 Prozent sind dabei 60 Jahre oder älter. Absehbar also, dass sich die Lage weiter verschärft.

Gleiches gilt für die Ärzteschaft: 221 Patienten entfallen in Sachsen-Anhalt auf jeweils eine Ärztin oder einen Arzt. Unser Bundesland rangiert damit auf Platz drei der ärztlichen Versorgung – von hinten! Nur Niedersachsen und Brandenburg haben eine noch bedenklichere Arztdichte pro Einwohner. Doch auch diese Zahlen bilden nur auf den ersten Blick die Realität ab. Prof. Uwe Ebmeyer, Präsident der Ärztekammer Sachsen-Anhalt, verweist darauf, dass zunehmend Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit der Teilzeit nutzen. So stieg laut Statistik die Zahl der berufstätigen Mediziner im Land zwar insgesamt leicht auf 9.985, im Jahr zuvor waren es noch 9.824 gewesen. „Dieser Negativ-Trend scheint zumindest eingebremst“, stellt der Präsident fest. Dennoch fehlen aktuell in Sachsen-Anhalt Ärzte für 310 unbesetzte Stellen. Man dürfe eben in der Statistik nicht nur auf die Zahl der Köpfe schauen, so Prof. Ebmeyer, sondern müsste eigentlich in Arbeitszeit messen. Wie dem Trend entgegenwirken? Dieser sei ja nicht neu, der demografische Wandel werde seit über 20 Jahren diskutiert – doch jetzt wird er bedrohlich spürbar, denn die Generation der sogenannten Babyboomer (Geburtenjahrgänge 1955 bis 1970) geht schrittweise in Rente. Der Nachwuchs kommt nicht entsprechend stark nach. „Es ist vergleichbar mit einem Dampfer, den eine Stoßwelle nicht sofort aus der Bahn wirft,“ erklärt der Ärztekammerpräsident. „Erst nach und nach gerät er aus seinem stabilen Fahrwasser, so lange, bis er sich dann doch querstellt und den Kanal versperrt.“ Ein „Weiter-So“ in der Gesundheitspolitik und Nachwuchsförderung könne jedenfalls keine Option sein, darin sind sich Prof. Ebmeyer und Dr. Jörg Böhme, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt einig.

Erfreulicherweise, so stellt Prof. Ebmeyer noch fest, mache sich das Engagement mit Projekten wie „Raus aus der Schule, rein in die Medizin“ bemerkbar, das darauf abzielt, Landeskinder für die Medizin zu begeistern und sie ermutigt, sich für ein Studium zu bewerben. Bei den Vorbereitungen auf den sogenannten Ham-Nat- und TMS-Test wird unterstützt. Ersten Rückmeldungen zufolge, steigen die Bewerberzahlen. Darüber hinaus trägt auch die Landarzt-Quote dazu bei, mehr junge Mediziner in Sachsen-Anhalt nach Abschluss des Studiums zu halten.

Dr. Reiner Haseloff sicherte der Ärzteschaft seine Unterstützung zu

Beim Neujahrsempfang (v. l.): Prof. Uwe Ebmeyer, Thomas Dörrer, Dr. Carsten Hünecke

Viel Lob von der Ärzteschaft gibt es an diesem Tag noch einmal für Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff. Der CDU-Politiker hatte, nachdem ihm beim Parlamentarischen Abend im September vergangenen Jahres die Ärzte ihr Herz ausgeschüttet hatten, auf die Probleme reagiert und ein ministeriumsübergreifendes Gesundheitskabinett einberufen, um auf Landesebene nach Lösungen zu suchen. Haseloff ist denn auch beim Neujahrsempfang zu Gast. In seinem mitreißenden Grußwort geht er noch einmal auf die Nöte ein: „Wir wissen, dass es bei Ihnen Probleme gibt“, so Haseloff. Es gehe darum, die Menschen überall würdig zu versorgen. Nicht ganz leicht, man habe es mit 80 Prozent ländlichem Raum zu tun. „Sie haben unsere Unterstützung, wir haben das auf der Agenda.“ Man müsse „das Schiff vernünftig durch die Wogen“ fahren, dabei die Verhältnismäßigkeit wahren und demokratische Kräfte bündeln, derzeit mehr denn je. Nach heftigem Applaus für den Ministerpräsidenten, der vor rund 140 geladenen Gästen spricht, lauscht das Plenum dem Vortrag über „Künstliche Intelligenz in der Pharmazie und Gesellschaft“ von Prof. Hermann Wätzig von der TU Braunschweig, bevor bei Büfett und ungezwungenen Gesprächen der Empfang endet – für diesen Moment in geselliger Zufriedenheit.

Katrin Basaran
Öffentlichkeitsarbeit
Ärztekammer Sachsen-Anhalt

Gipfeltreffen am Rande des Neujahrsempfangs, (v. l.): Prof. Uwe Ebmeyer, Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne, Dr. Jörg Böhme, Ministerpräsident Haseloff, Mathias Arnold, Dr. Jens-Andreas Münch, Dr. Wolfgang Gaede

Fotos: Viktoria Kühne