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JVA Halle hat eine neue Gefängnisärztin

Traumjob hinter Gittern

Traumjob hinter Gittern

Ein wenig fühlt es sich ja nach Zeitreise an, nach Museum auch – wenn die Computer nicht wären. Durchaus heimelig, vielleicht etwas eng, die hohen Wände in typischem Krankenhausgelb oder intensivem Mintgrüntürkis gestrichen. Zwischen Schreibtisch, Rollcontainern, Liege und für den Laien seltsam anmutenden medizinischen Gerätschaften wuseln die Schwestern – freundlich lächelnd in ihren gestärkten Kasacks. Dass das hier dennoch nicht unbedingt ein Ort ist, der zum Verweilen einlädt, klärt der Blick durch die Fenster. Hinter Lamellenvorhängen werden die Gitter nur mühsam verborgen. Und wer aufmerksam hinschaut, kann im Hintergrund nicht nur die backsteinrote Innenmauer erkennen, sondern auch den Stacheldraht, der darauf liegt wie eine metallene Brandungswelle.

Für Susanne Bode ist das alles kein Problem. Die approbierte Medizinerin aus Halle hat hier, in dieser eigenen Welt, als Ärztin ihren Traumjob gefunden: Seit November 2023 arbeitet sie in den Knastpraxen der JVA Halle, zu der in der Saalestadt die Standorte „Roter Ochse“ in der Innenstadt und „Frohe Zukunft“ in der Wilhelm-Busch-Straße gehören. „Ich will hier nicht wieder weg“, sagt die 45-Jährige bestimmt und lächelt so, dass man ihr einfach glauben muss.

In Sachsen-Anhalt gibt es insgesamt vier Justizvollzugseinrichtungen: die Jugendanstalt (JA) in Raßnitz im Saalekreis sowie die Justizvollzugsanstalten (JVA) in Halle, Volkstedt und Burg, wo in einer zusätzlichen Einrichtung außerdem die Sicherungsverwahrung vollzogen wird. Jedes Gefängnis verfügt über einen medizinischen Bereich, der neben der allgemeinärztlichen Sprechstunde auch Behandlungen etwa durch einen HNO- oder Augenarzt ermöglicht. Sollte ein Gefangener Zahnschmerzen oder sich eine Füllung verabschiedet haben, steht in jeder Ambulanz ein Behandlungsstuhl bereit. „Der Platz, auf dem die harten Jungs nach Mutti rufen“, wie eine Zahnschwester verschmitzt lächelnd erzählt. „Jeder Gefangene ist letztlich ein Patient, der dankbar für Hilfe ist und deshalb mit der gleichen Empathie und Fachkunde behandelt wird.“ In der JVA Halle sitzen vor allem Männer mit Haftstrafen von bis zu 30 Monaten ein, verurteilt wegen Delikten wie Körperverletzung, Diebstahl und Betrug. Die JVA Halle beherbergt die größte Untersuchungshaftabteilung in Sachsen-Anhalt und ist auch für die Unterbringung von weiblichen Gefangenen zuständig, gegen die U-Haft oder eine Freiheitsstrafe mit maximal zwei Monaten Dauer vollzogen werden. Aber egal, wer hier einfährt, er oder sie wird immer zuerst vom Gefängnisarzt untersucht.

Gefängnisarzt. Sofort denkt man da an einen Typen wie Joe Bausch, Deutschlands bekannter Knast-Doktor, der zugleich Autor und Schauspieler im Kölner „Tatort“ ist, wo der heute 71-Jährige den Gerichtsmediziner Joseph Roth spielt. Ein Charakterkopf, der seine schwierige Klientel hinter Gittern schon mit seiner Erscheinung einschüchterte. Susanne Bode ist von diesem Klischee weit entfernt. Und nicht nur, weil sie eine Frau ist. Sie wirkt in ihrer Kompetenz zugewandt und freundlich, wenn auch bestimmt. Und man stellt sich unweigerlich die Frage: Was trieb sie in diese Knastpraxis? „Ich habe für mich nach einer beruflichen Alternative gesucht“, erzählt sie mit leiser Stimme ihre Geschichte. Viele Jahre habe sie als Orthopädin und Unfallchirurgin gearbeitet. Erst im Erzgebirge, dann in ihrer Heimatstadt Halle in der Uniklinik. Es ist wohl kein Geheimnis, dass die Dienstbelastung in der Unfallchirurgie besonders hoch ist. Eine Operation folgte der nächsten, Zeit spielte oft keine Rolle. Stattdessen Schlafmangel, Erschöpfung, kaum Freizeit. Wertschätzung? Lebensplanung? Naja. Irgendwann kam der Punkt, an dem sie feststellte, dass sich für sie etwas ändern muss. Durch puren Zufall „stolperte“ sie schließlich über die Ausschreibung der Justiz im Ärzteblatt.

Jede JVA verfügt über eine Ambulanz

Krankenzimmer

Chef der JVA Halle: Udo Winterberg

„Bis dahin hatte ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht, was eigentlich ärztliche Versorgung hinter Gittern bedeutet.“ Sie bewirbt sich um eine Hospitanz, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen – der Rest ist Geschichte. Sie wird als neue Anstaltsärztin angestellt, arbeitet nun in Gleitzeit fünf Tage die Woche, insgesamt maximal 42 Stunden, vergütet nach Tarifvertrag für Ärztinnen und Ärzte an Universitätskliniken. „Eine Stelle ohne Nachtschichten wäre schon schön gewesen, aber nun habe ich sogar eine mit freien Wochenenden“, darüber freut sich Susanne Bode noch immer.

Die Arbeit ist spannend und anspruchsvoll: Ärzte im Knast bekommen es natürlich mit kleinen Wehwehchen zu tun, aber auch mit ernsthaften Herz-Kreislauf-Erkrankungen, mit Suchtkrankheiten wie Alko-hol, Drogen, Polytox, Unfällen und vielem mehr. HIV und TBC sind weitere Themen, es gibt psychische Erkrankungen und Suizidversuche. Fortbildungen in Sucht- und Notfallmedizin sind hier von Vorteil. Ein großes Glück sei es da, dass die Orthopädin und Chirurgin als neue Anstaltsärztin gewonnen werden konnte. „Fachlich, aber vor allen Dingen auch menschlich“, betont der Anstaltsleiter der JVA Halle, Udo Winterberg. Er bekomme ausschließlich positive Rückmeldungen, nicht nur von den Bediensteten. „Wenn ein Arzt gut und anständig mit den Gefangenen umgeht, macht sich das bemerkbar: Die Gefangenen sind entspannter, weniger frustriert; dadurch sinkt auch die Aggressivität.“
„Wahnsinnig froh“ über Susanne Bode als neue Kollegin ist auch Thomas Wesche. Der 57-jährige Arzt aus Dessau arbeitet seit 27 Jahren im Justizvollzug. „Es passt von der Chemie her und vom Leistungsspektrum. Sie kann unabhängig vom üblichen Praxisalltag vor Ort kleine chirurgische Eingriffe selbst vornehmen, das ist ganz großartig.“ Ziel sei es ja, möglichst viele Erkrankungen und Unter-suchungen hinter Gittern vornehmen zu können. Schließlich birgt jede Behandlung außerhalb der Gefängnismauern immer auch ein Sicherheitsrisiko.

Neben der Tatsache, dass die Work-Life-Balance stimmt, und die Ärztin verlässlich Wochenendausflüge planen kann, hat sie der Teamgeist überzeugt, der unter den Bediensteten und dem medizinischen Personal herrscht. „Das war ein Punkt der ganz weit oben auf meiner Liste stand: Ich möchte in ein Team, in dem man zusammenarbeitet.“ Das muss auch sein, denn gerade im Gefängnis ist man in besonderem Maße aufeinander angewiesen. Angst hat die 45-Jährige nicht, da sei sie anderes gewohnt: „Im ambulanten Notfalldienst bekommt man mitunter hochaggressive, alkoholisierte Leute von Polizeistreifen gebracht. Im Zimmer ist man dann mit ihnen allein. Wenn etwas passiert, kann ich zwar die 110 anrufen und dann kommt hoffentlich irgendwann jemand. Hier aktiviere ich meinen Personen-sicherungs-Alarm und es ist innerhalb von Sekunden jemand da“, sagt Susanne Bode. „Klar, ich habe es hier mit Straftätern zu tun, aber ich weiß das und kann mich darauf einstellen.“ 

„Es ist ein großes Glück, dass die Orthopädin und Chirurgin Susanne Bode als neue Anstaltsärztin gewonnen werden konnte – fachlich, aber vor allen Dingen auch menschlich.“

Anstaltsleiter der JVA Halle, Udo Winterberg.

Ähnlich sei es mit anwaltlichen Klagen seitens der Patienten, mit denen sich Ärzte immer wieder konfrontiert sehen. „Damit stehe ich draußen allein“, sagt die Medizinerin. In der JVA nicht, hier wird zudem jeder Schritt dokumentiert, dies sei wichtiger Bestandteil der Arbeit im Knast.

Eine große Hilfe sind bei allem die MFA: Im Rahmen der sogenannten Krankenschwester-Sprechstunden gehen sie in der JVA zwei Mal pro Woche zu einzelnen Gefangenen und klären medizinische Dringlichkeiten. Thomas Wesche: „Dadurch haben wir mehr Zeit für die Patienten.“ Manche, so erzählt er noch, begleitet man ein Leben lang. Und manche brauchen eigentlich nur etwas soziale Zuwendung, jemanden, der sich um sie einfach mal kümmert: „Es gibt Menschen, die kommen aus so schlimmen Milieus, das kann man sich nicht vorstellen, teilweise sind sie zuletzt vor 25 Jahren das letzte Mal bei einem Arzt oder Zahnarzt gewesen.“ Bei einem Mann sei durch solch eine Routine-Behandlung im Knast Krebs festgestellt worden. „Wir haben ihn bis zu seiner Entlassung therapiert.“ Wenn so ein Mensch hinterher die Hand reicht und danke sagt, ist das schon etwas Besonderes, von dem auch ein „alter Hase“ wie Thomas Wesche lange zehrt.

Nun sollen aber die jungen Ärzte ran: Susanne Bode hat im Februar noch eine neue Kollegin bekommen und freut sich auf die Zukunft in ihrem „sicheren Traumjob“, wie sie sagt. Die Hüft-Operationen aus vergangenen Tagen vermisse sie nicht und ihr Neffe sei auch begeistert, dass seine coole Tante „jetzt im Knast ist“, wie der 14-Jährige überall herumerzählt. Und eines kann die Ärztin jetzt schon langfristig planen: „Im September gehe ich ins Konzert.“

Seit 27 Jahren Gefängnisarzt: Thomas Wesche

„Manche Patienten begleitet man ein Leben lang. Und manche brauchen eigentlich nur etwas soziale Zuwendung, jemanden, der sich um sie einfach mal kümmert.“

Thomas Wesche

Katrin Basaran,
Öffentlichkeitsarbeit
Ärztekammer Sachsen-Anhalt

Fotos: Peter Gercke

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