„Nur wo wir handeln, fühlen wir uns lebendig, und nur im Handeln gewinnen wir soziale Energie.“ So steht es im neuesten Buch von Hartmut Rosa, Soziologieprofessor in Jena und Erfurt. Diese seine These kann man als ein Fazit des Buchinhalts betrachten. Es ist das Ergebnis seiner Folgerungen, bezogen auf eine spätmoderne Entwicklung in unserer Gesellschaft, der er nachvollziehbar auf die Spur gekommen ist.
Der Buchtitel strahlt erst einmal trockene Abstraktion aus, nicht verwunderlich bei einer theoretischen Abhandlung. Bei näherem Hinsehen wird man diesen Eindruck allerdings bald korrigieren müssen. Rosa geht davon aus, dass eine Situation das bewusste und urteilende Handeln des auf sie treffenden Akteurs verlangt. Für die Lösung des Problems wird Augenmaß und Fingerspitzengefühl, Erfahrung also vonnöten sein. Die Aufgabenerfüllung in der Konstellation funktioniert dagegen anders. Da muss nur eine Regel, eine Vorschrift, eine Anleitung etc. emotionslos vollzogen werden, ähnlich einer Maschine. In unserer jüngsten Vergangenheit hat sich das Agieren immer mehr zu letzterer Form verschoben, fast unmerklich. Hinter unserem Rücken ist mehr und mehr aus verantwortetem und urteilendem Handeln ein sturer Vollzug geworden mit der Folge der Zunahme der Bürokratisierung in Wirtschaft und Verwaltung, Bildung und Kommunikation, der mehltauartig das Lebensgefühl überzieht.
Hartmut Rosa illustriert seine Thesen zu den beiden alternativen Spielarten der Erfüllung täglicher Aufgaben mit lebensnahen bzw. aus dem Alltag gegriffenen Beispielen in Form von Anekdoten. Er lässt z. B. den Joker Niels Petersen aus der Elf des Freiburger Fußballklubs bzw. dessen Anhänger ein Opfer des szenefern gefällten, technisch generierten Urteils des VAR (Video Assistent Referee) im Kölner Keller gegen eine Entscheidung des Schiedsrichters werden. Sehr zum Ärger der Fans des beliebten Spielers (unter ihnen auch aus heimatlicher Nostalgie der Autor). Er schildert die Situation des Verkäufers, der mit ansehen muss, wie einem erwartungsfrohen Kind der mit Mühe ersparte Burger in den Dreck fällt. Er beschreibt einen Zugschaffner, der bei der Fahrscheinkontrolle mit einem Schwarzfahrer konfrontiert wird und den Streifenpolizisten, der in seinem Zuständigkeitsbereich einen manipulierenden Mopedfahrer stellt u. v. a. m. Sie alle sind einer Situation mit ihren Unschärfen ausgesetzt und können doch nach den Regeln des konstellativen Vollzugs mit seinen unbeweglichen Vorgaben nicht lebendig handeln. Sie könnten aber vielleicht auch mit o. g. Fingerspitzengefühl und Augenmaß und einem gewissen Schuss an Vertrauen einen Spielraum zum menschenfreundlichen Ausgang aus der misslichen Situation nutzen. Hartmut Rosa weiß natürlich, dass konstellative Klarheit oft erforderlich ist als Schutz vor Korruption und eine unabdingbare Voraussetzung für die Effektivität von Arbeitsprozessen. Er führt unter diesem Aspekt die Macht und Ohnmacht der Gesetzgebung an und macht auf die parametrische Kontrolle der Körperfunktionen in Bezug auf Gesundheit bzw. Fitness aufmerksam. Er bietet aber auch Beispiele alternativer Praktiken an für Situationen, in denen die eigentlich vorgeschriebenen Verfahren hart an der Grenze zur Korruption auf kurzem Weg umgangen werden. Die Entwicklung scheint global vorhanden zu sein. In Indien nennt man so etwas Jugaad, in Brasilien Jeitinho (der kleine Weg), Handlungsformen, die dort offensichtlich vielfach genutzt werden, da es sonst auf regelkonformem Wege eigentlich nicht weitergehen würde.
Das Buch sperrt sich etwas gegen die flüssige Lektüre. Es ist in neun überschriebene Kapitel geteilt. Der Autor neigt allerdings dazu, seine Texte in z. T. sehr langen Satzkonstruktionen zu formulieren. Man verliert mitunter am Ende eines Satzes dessen Anfang aus den Augen. Hinzu kommen die spezifische Sprache und die Nomenklatur der wissenschaftlich argumentierenden Soziologie und ihrer humanwissenschaftlichen Nachbardisziplinen. Aber es kann als Quelle für dem Zeitgenossen nicht unbedingt geläufige und anregende Denkansätze dienen in Reflexion seines täglichen verantwortungsbasierten Tuns und Lassens.
F. T. A. Erle, Magdeburg (März 2026)