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Frauen im Militär und in den Kriegen Europas seit 1600

Buchrezension - Vergessene Soldatinnen

Buchrezension - Vergessene Soldatinnen

Suhrkamp Verlag 2026, ISBN 978-3-518-58840-6, gebunden mit Schutzumschlag, 14 x 21,5 x 4,5 cm, 1055 Seiten, 60 Abbildungen, 48,00 €

Cover: Verlag

Karen Hagemann

Kampf und Krieg sind Männersache. Frauen dürfen helfen. So lautet das archetypische Geschlechterkonstrukt über die Jahrhunderte.

Das Buch der deutsch-amerikanischen Historikerin Karen Hagemann nimmt sich in voller Breite und Tiefe dieses Narrativs an. Sie hat in langjährigen Forschungen festgestellt, dass Männer zwar Kriege anzetteln, diese aber seit Jahrhunderten ohne Unterstützung von Frauen nicht führen können. Sie stellt sich somit der Herausforderung, die Kriegsgeschichtsschreibung nicht durch einen Frauenanteil zu komplettieren, sondern sie aus der Perspektive der Frauen neu zu denken. Dabei konstatiert sie, dass die ins Militär eingebundenen Frauen nach Beendigung der Kriege nicht mehr in Erscheinung treten. Sie werden weitgehend weggelassen, verschwiegen, vergessen.

Die Autorin strukturiert ihr einzigartiges Werk in die vier chronologisch gereihten Teile:

  • I. Trosserinnen, Marketenderinnen und Amazonen: Frauen in den frühneuzeitlichen Heeren des 17. und 18 Jahrhunderts
  • II. Soldatenfrauen, cantinières und Krankenpflegerinnen: Frauen in den Armeen des langen 19. Jahrhunderts
  • III. Krankenschwestern, Pflegehelferinnen und auxiliaries: Frauen im Militär des Ersten Weltkrieges
  • IV. Schwestern, Militärhelferinnen und Soldatinnen: Frauen im Militär des Zweiten Weltkrieges

Im Zentrum des Buches stehen also die Frauen bzw. ihr mehr oder weniger aktives Mitwirken beim Erreichen der Kriegsziele, überwiegend bei den Landstreitkräften, vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 in Europa, Kolonial- und Eroberungskriege inclusive. Dass sich über diesen langen Zeitraum ein Wandel in der Einbeziehung des weiblichen Geschlechts ergeben hat, kann die Autorin wissenschaftlich nachweisen.

An den Anfang des jeweils analysierten Krieges stellt sie eine chronologische Orientierung über dessen Ursachen und Verlauf. Auf dieser Grundlage diskutiert sie dann den gesellschaftspolitischen Vorder- und Hintergrund bezgl. Frauen und Kriegsdienst. Sie wurden in allen Epochen nie aus Einsicht oder Respekt anerkannte Mitglieder des Militärs. Ihnen wurde vielmehr die biologische Rolle der Hüterin der Familie und der Unterstützerin des männlichen Partners an der Front zugewiesen. Erst wenn dann durch Kriegsverluste Not am Mann war, durfte sie ihren Mann stehen. Am Ende des Zweiten Weltkrieges waren es im Deutschen Reich 500.000 Wehrmachtshelferinnen, eine ebenso große Menge beim Luftschutz bzw. der Flugabwehr eingesetzte Frauen und Mädchen und 10.000 SS-Helferinnen in den KZ. Sie durften im totalen Krieg Flak-Geschütze bedienen, Militärfahrzeuge fahren und reparieren, alle Arten Sanitätsdienste verrichten, sogar Flugzeuge steuern und scharf schießen. Dabei wurden sie hochgefährdete Mitwisserinnen im Vernichtungskrieg. Das die heldenhaft kämpfenden Männer ehrende Gedenken wurde ihnen allerdings weitgehend verwehrt. In allen Heeren Europas und zu allen Zeiten waren sie geschlechtsspezifischer männlicher Machtausübung ausgesetzt, ob bei den Alliierten, der Wehrmacht, der Roten Armee oder bei den Partisanen, die sich in den Wäldern versteckten (nur die Mutter musste bei der Kuh bleiben!).

Die Autorin greift auf einen großen wissenschaftlichen Fundus an Quellenmaterial zurück, was sich im umfangreichen Anhang (Anmerkungen, Auswahlbibliografie, Personenverzeichnis, Abbildungsverzeichnis) von fast 200 Seiten Umfang niederschlägt. Die Texte selbst enthalten zahlreiche Zitate von Fremd- und Selbstzeugnissen ehemaliger Soldatinnen oder anderweitiger Dokumente. 60 Reproduktionen von aussagekräftigen, themenbezogenen Gemälden, Fotografien, Plakaten etc. untermalen die Feststellungen.

Dem Militär freiwillig zuströmende jungen Frauen hatten keinen guten Ruf in der Heimat und nach dem Kriege. Sie wurden als Offiziersliebchen und Flittchen beschimpft, der Abenteuerlust und des Verrats bezichtigt. Das Schicksal der Katharina Margarethe Linck (1687 – 1721), die sich transvestiv als Soldat in verschiedenen Armeen verdingt hatte, sei nur als ein frühes regionales Beispiel genannt. Sie wurde 1721 wegen „Sodomie mit einer Frau“ auf Geheiß ihres preußischen Königs auf dem Fischmarkt in Halberstadt enthauptet. Ihre Geschichte ist für die Bühne („Ich bin dann er“), die Literatur („In Männerkleidern“) und in einem aktuellen Film („Rose“) verarbeitet worden.

Trotz seines wissenschaftlichen Duktus und seiner sachlichen Fülle bildet das Buch eine spannende Lektüre. Es dürfte in den zu erwartenden künftigen Diskussionen um Wehrpflicht und Waffendienst seine Beachtung finden. Die Rolle der Frau in der modernen Gesellschaft ist dabei, sich grundlegend zu ändern.

F.T.A. Erle, Magdeburg, (August 2026)