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Buchrezension

Die vierte Kränkung - Menschlicher Geist im Schatten der Künstlichen Intelligenz

Die vierte Kränkung - Menschlicher Geist im Schatten der Künstlichen Intelligenz

Hanser Verlag 2026, ISBN 978 3 446 28177 6, gebunden mit Schutzumschlag, Oktavformat 12 x 21,5 cm, 111 Seiten, 22 €

Cover: Verlag

Rüdiger Safranski

Das Reden über Künstliche Intelligenz (KI) hat seine hohe Zeit. Das Nachdenken darüber natürlich auch. So dürfte diese Abhandlung eine von vielen zum Thema sein, wenn auch mit spezieller philosophischer Ausrichtung.

Das in handlicher Form gestaltete Büchlein des Philosophen und Germanisten Rüdiger Safranski verführt nach einem kurzen Blick ins Innere zum Zugriff. Safranski sieht schon im Buchtitel den menschlichen Geist im Schatten der Künstlichen Intelligenz. Er scheint gekränkt zu sein.

Vorausgesetzt wird die Kenntnis von drei offen liegenden Kränkungen des menschlichen Geistes, wie sie Sigmund Freud formuliert hatte. In der ersten, der kopernikanischen, darf sich der Mensch nicht mehr im bisher geglaubten Mittelpunkt des Alls sehen. Die zweite Kränkung, die darwinsche, stellt den Menschen seiner Abstammung nach gleichberechtigt neben den Affen. Die dritte Kränkung, die psychologische, ergibt sich aus der Freudschen Postulierung des Unbewussten: Das Bewusste Ich ist nicht mehr Herr im eigenen Haus. Dieser Reihung lässt Safranski die vierte Kränkung folgen, die Künstliche Intelligenz, die die natürliche Intelligenz nachahmt und in Teilen überbietet. Er nennt es das Nichtbewusstsein und ein Merkmal toten Lebens, ein Monster aus der Flasche. Benutzen oder benutzt werden, das ist die Frage.

Im ersten der vier Kapitel des Buches bedenkt der Philosoph den quasireligiösen Charakter der KI. Sie sei nach Einschätzungen aus dem Silicon Valley zwar kein Gott im herkömmlichen Sinne jedoch eine nicht zu leugnende Erweiterung der natürlichen menschlichen Intelligenz. Man könne nicht wissen, was eine in Zukunft denkbare Verbindung von Daten einer Cloud und Menschenhirn ergeben würde. Einen Prothesengott nennt es Safranski, eine Herausforderung des Humanismus, eine zweite Natur des Menschen mit Möglichkeiten zur Selbstzerstörung bei Eingriffen ins Klima oder die Waffenentwicklung. Die alten Götter verschwänden, es träten neue auf den Plan.

Safranski weiß durchaus die Vorteile der KI zu schätzen, z. B. in der bildgebenden Medizin. Die Kultur des geschriebenen Buches aber, die auf lebendigem Geist beruhe, gerate in Bedrängnis. Die KI okkupiere die Sprache, sie basiere auf einer ungeheuren Menge von antrainierten Daten und sei enorm lernfähig, übernähme Denkweisen, Tonlagen und Empfindlichkeiten, könne aber letztlich nichts damit anfangen. Sie kann nicht leiden, staunen oder sterben. Sie bleibt bei sich selbst und lässt die benutzten Autoren verschwinden. Ein maschineller Geist bricht in die Welt des Lebens ein. Das bewusste ICH, das Selbst des Individuums, erfährt sie nicht. Einfühlung und Kommunikation weiß die KI nur zu simulieren.

Im vierten Kapitel rückt das Rätsel des Bewusstseins in den Vordergrund, ein Desiderat der KI. Der Weg dorthin setze eine Verwandlung der Maschine in einen lebendigen Organismus voraus. Das wäre dann aber eine Herausforderung für die Moral. Der Supergau wäre die katastrophale Abhängigkeit von einem intelligenten Maschinenpark, ein Zustand, der nach Safranski gefährlicher wäre als Atomwaffen. Die Warner vor solcher Gefahr, selbst aus Kreisen der Entwickler der KI, nehmen zu. Sie mahnen zur Regulierung weiterer Entwicklungen. So beendet er passend sein Büchlein mit Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“, in der die gefährliche Bequemlichkeit des in die Bredouille geratenen Lehrlings vom herbeieilenden Meister gestoppt werden kann.

Ein gut lesbares Buch, das auch ein weitgehend analog gebildetes und in der Philosophie nicht heimisches Lesepublikum in seiner natürlichen Intelligenz nicht überfordern, eher anregen dürfte.

F.T.A. Erle, Magdeburg, (September 2026)

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