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30 Jahre Neujahrsempfang, 35 Jahre ärztliche Selbstverwaltung

Heilberufe reden Klartext

Heilberufe reden Klartext

Gruppenfoto von Vertretern der Heilberufe Sachsen-Anhalt bei einer offiziellen Veranstaltung im institutionellen Rahmen.
Gipfeltreffen (v. l.) : ÄKSA-Präsident Prof. Ebmeyer, Ministerin Dr. Zieschang, Ministerin Grimm-Benne, Minister Prof. Willingmann, Ministerin Dr. Hüskens, AKSA-Präsident Dr. Münch, KVSA-Chef Dr. Böhme, OPK-Vize-Präsidentin Dr. Ahrens-Eipper

Foto: ÄKSA/Peter Gercke
„Wir leben von dem Mut, den wir machen.“
Die jüdische Lyrikerin Hilde Domin (1909 – 2006)

Seit 30 Jahren gibt es den Neujahrsempfang der Heilberufe – und er ist längst mehr als ein Pflichttermin. Er ist ein Ort, an dem sich zeigt, wie dieses Land funktioniert, wenn Menschen miteinander reden statt übereinander. Am 14. Januar 2026 stand der Empfang ganz im Zeichen von „35 Jahre ärztlicher Selbstverwaltung“ und wurde in diesem Jahr unter Federführung der Ärztekammer Sachsen Anhalt ausgerichtet.

Schon am Mittag, bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit den Präsidentinnen und Präsidenten von Ärztekammer (ÄKSA), Kassenärztlicher Vereinigung (KVSA), Apothekerkammer (AKSA), Landesapothekerverband (LAV), Zahnärztekammer, Kassenzahnärztlicher Vereinigung (KZV), Tierärztekammer und Ostdeutscher Psychotherapeutenkammer (OPK), zeigte sich, wie eng die Themen der verschiedenen Berufsgruppen miteinander verwoben sind. Im Gespräch mit dpa, Volksstimme und MDR entstand ein Bild, das weder dramatisierte noch beschönigte: steigende Arztzahlen, aber sinkende Niederlassungen; 172 derzeit besetzbare Hausarztstellen; über 50 dauerhaft geschlossene Zahnarztpraxen; 17 Apotheken weniger in nur einem Jahr; schlechte psychische Gesundheit insbesondere bei Kindern und Jugendlichen sowie andauernder Tierärztemangel. Ein gemeinsamer Realitätscheck – und ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Herausforderungen in Humanmedizin, Zahnmedizin, Apotheken, Psychotherapie und Tiermedizin sich längst ähneln – und man sie nur gemeinsam stemmen kann.

Als sich am frühen Nachmittag die Gäste im Foyer zum Sektempfang mischten, wurde aus Analyse plötzlich Begegnung: Vertreterinnen und Vertreter der Heilberufe, der Krankenkassen, der Universitätsmedizin, der Verwaltung – und mit ihnen gleich vier Mitglieder der Landesregierung trafen ein. Dass Minister Prof. Dr. Armin Willingmann, Dr. Tamara Zieschang, Petra Grimm-Benne und Dr. Lydia Hüskens anwesend waren, verlieh der Veranstaltung eine politische Bedeutung.

Kammerorchester spielt bei einer offiziellen Veranstaltung der Ärztekammer, musikalische Begleitung im festlichen Rahmen.

Ohrenschmaus! Musikalische Sahnestücke bot das Philharmonische Holzbläserquintett der Magdeburgischen Philharmonie dar.

Der Festakt begann mit Mozarts Ouvertüre aus der Zauberflöte, gespielt vom Philharmonischen Holzbläserquintett der Magdeburgischen Philharmonie – ein Auftakt, der den Raum öffnete und die Stimmung setzte.

Dann trat Prof. Uwe Ebmeyer ans Rednerpult und machte sehr klar, wofür die Ärztekammer in diesem Jahr steht. Er erinnerte daran, dass die ärztliche Selbstverwaltung seit 35 Jahren besteht – „ein Kind der friedlichen Revolution“, wie er sagte. Und er formulierte unmissverständlich, dass diese Unabhängigkeit nicht verhandelbar sei. Nicht im Alltag, nicht in Wahljahren, nicht dann, wenn es unbequem wird. „Selbstverwaltung ist kein technisches Detail, sondern ein Versprechen an unsere Patientinnen und Patienten, dass medizinische Entscheidungen von Fachwissen, Gewissen und Menschlichkeit geleitet werden – und von nichts anderem.“

Redebeitrag bei einer Veranstaltung der Heilberufe Sachsen-Anhalt: Referent spricht am Pult vor Fachpublikum.

„Die Unabhängigkeit der Selbstverwaltung ist nicht verhandelbar.“ Prof. Ebmeyer fand bei seinem Grußwort deutliche Worte.

Teilnehmer einer Veranstaltung der Heilberufe Sachsen-Anhalt im Publikum während eines fachlichen Programmpunkts.
Aufmerksame Zuhörer: AKSA-Präsident Dr. Jens-Andreas Münch neben Dr. Jochen Schmidt, Chef der Kassenzahnärzt-lichen Vereinigung (KZV).
Austausch im Anschluss an eine Veranstaltung der Heilberufe Sachsen-Anhalt, Gesprächsrunde im institutionellen Rahmen.
Ministerin Dr. Hüskens nahm sich Zeit für Austausch.

Er sprach offen über die Versorgungslage: den demografischen Wandel, die wachsende Teilzeit – ein verständliches Bedürfnis nach Work-Life-Balance, das jedoch die Versorgungslage verschärft – und die bröckelnden Strukturen in der Fläche. Besonders eindrücklich blieb das Beispiel einer Kollegin aus der Altmark, die als einzige Ansprechpartnerin in einer weiten Region arbeitet. Ein Bild, das ehrlicher ist als jede Statistik. Ebmeyer forderte verlässliche Strukturen statt kurzfristiger Impulse und eine Digitalisierung, die entlastet statt belastet. In Richtung Bundespolitik formulierte er klare Erwartungen: „Wir brauchen keine Vorgaben zu neuen Fachrichtungen. Machen Sie Ihre Hausaufgaben bei GOÄ, Digitalisierung und einer ehrlichen Diskussion darüber, was wir uns leisten können.“ Einsparideen auf Kosten der Leistungserbringer wies er zurück.

Er sprach über gelungene Kooperationen wie die gemeinsame Weiterbildung zu lebensbedrohlichen Einsatzlagen und den Kleeblatt-Mechanismus zur Versorgung schwer verletzter Patientinnen und Patienten aus dem In- und Ausland. Und er formulierte drei zentrale Ziele für die kommenden Jahre: Weiterbildung vor Ort stärken, ländliche Versorgung sichern und Digitalisierung sinnvoll nutzen. Dazu kam ein Satz, der im Saal hängen blieb: „Unsere Rentenversorgung ist sicher – und deshalb sagen wir auch: Hände weg von den Versorgungswerken.“

Nach Ebmeyers Rede folgte Puccinis „Quando m’en vo“ aus La bohème – ein musikalischer Moment zum Durchatmen. Dann sprach Wissenschaftsminister Willingmann als Vertreter der Landesregierung. Er übermittelte Grüße vom scheidenden Ministerpräsidenten Dr. Reiner Haseloff und betonte, dass die Anwesenheit von vier Ministern zeige, welchen Stellenwert dieses Zusammentreffen habe.

Pressekonferenz der Heilberufe Sachsen-Anhalt mit Vertretern der Kammern beim Neujahrsempfang, Podium im Konferenzraum.

Die Pressekonferenz der acht Heilberufe-Institutionen sorgte für Medienecho.

Gespräch unter Teilnehmern beim Neujahrsempfang der Heilberufe Sachsen-Anhalt, informeller Austausch im Veranstaltungsraum.

Gute Laune: Die ÄKSA-
Vorstandsmitglieder
Prof. Gunther Gosch,
Dr. Torsten Kudela sowie ÄKSA-Vizepräsident Thomas Dörrer (v. l.)

Er verbreitete Zuversicht, ohne die Herausforderungen zu überdecken: „Wir sind keine Insel der Glückseligkeit, aber wir stehen auch nicht vor dem Untergang.“ Er sprach über Demokratie, über Stimmungslagen, über den Sachsen-Anhalt-Monitor, der zeigt, dass sich 90 Prozent der Menschen im Land wohlfühlen. Und er fand einen humorvollen Moment, als er über sinkende Geburtenraten sprach: „Wir haben heute den 14. Januar – es ist noch Zeit, um für die Statistik 2026 besser zu werden.“ Heiteres Lachen im Saal.

Ernste Worte fand er zur Krankenhausreform: Ja, Sachsen Anhalt brauche sie – aber nicht nach dem Prinzip „One size fits all“. Die ostdeutsche Perspektive müsse mitgedacht werden. Als Aufsichtsratsvorsitzender der beiden Universitätsklinika im Land stellte er zudem unmissverständlich fest: „Das Land bekennt sich zu beiden Standorten der Universitätsmedizin.“

Dann kam der SPD-Minister noch einmal auf Haseloff zurück: Der CDU-Politiker sei stets jemand gewesen, der „geräuschlos“ Konsens auch in schwierigen Situationen und Konstellationen ermöglicht habe. Besonders deutlich wurde Willingmann, als er sich gegen politische Rhetorik wandte, die Kompromisse als Verrat von Prinzipien diffamiert: „Ein solcher Satz ist demokratiefeindlich.“ Haseloffs Vermächtnis fasste er in einem Satz zusammen: „Sorgt dafür, dass dieses Land demokratisch bleibt.“

Teilnehmer beim Neujahrsempfang der Heilberufe Sachsen-Anhalt, Begegnung im festlichen Rahmen der Veranstaltung.

Arbeiten gern zusammen: Prof. Ebmeyer mit Prof. Heike Kielstein, Dekanin der Medizinischen Fakultät der Martin- Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Begegnung und Gespräch beim Neujahrsempfang der Heilberufe Sachsen-Anhalt, informeller Austausch im Veranstaltungsraum.
Gelöste Stimmung: Ministerin Petra Grimm-Benne und Jens Hennicke, Chef des Medizinischen Dienstes (MD).

Nach Willingmanns Worten folgte Mascagnis Intermezzo sinfonico aus Cavalleria rusticana, bevor Dr. Jörg Böhme, Vorstandsvorsitzender der KVSA, sprach. Auch er blickte nicht ohne Stolz auf 35 Jahre Selbstverwaltung aus Sicht der Vertragsärzteschaft zurück. Er erinnerte daran, dass die ambulante Versorgung seit Jahren unter der Budgetierung leidet und trotz erster Entlastungen – etwa für Kinder und Hausärzte – weiterer Schritte für die Fachärzteschaft bedarf. Er warb für Augenmaß bei den anstehenden Reformen, betonte die Bedeutung eines kollegialen Miteinanders und verwies darauf, dass Nachwuchsgewinnung wirkt, der Bedarf angesichts einer älter werdenden Ärzte- und auch Patientenschaft aber hoch bleibt.

Den Abschluss des offiziellen Teils bildete Bizets „Aragonaise“ aus Carmen – lebendig, energiegeladen, ein musikalischer Übergang zum Stehbankett. Beim anschließenden Empfang an Stehtischen, dekoriert mit zauberhaften Frühlingsblumen, wurde es lebhaft. Manche suchten das politische Gespräch, andere sprachen über Praxisnachfolge, Weiterbildung oder regionale Versorgungslücken. Und zwischendurch ging es einfach um das Wiedersehen, um Kollegialität, um das Gefühl, gemeinsam an etwas zu arbeiten, das größer ist als die eigene Profession.

So wurde der Neujahrsempfang in diesem Jahr zu einem Tag mit deutlichen Botschaften, der aber doch ohne Getöse auskam – und gerade deshalb Wirkung hatte. Ein Tag, der zeigte, dass die Heilberufe in Sachsen Anhalt zusammenstehen. Und dass die Ärztekammer bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, wo sie gebraucht wird.

K. Basaran

Fotos: ÄKSA/Peter Gercke