Methode
Bewährt hat sich in den letzten drei Jahrzehnten die chirurgische Qualitätssicherung im Rahmen der klinischen Versorgungsforschung [2]. Dabei kommt methodisch den multizentrisch und flächendeckend durchgeführten Beobachtungsstudien ein hoher Stellenwert zu. Die Freiwilligkeit der Teilnahme an den vorliegenden Qualitätssicherungsstudien und strenge Vertraulichkeit im Datenumgang gewährleisten für jede der teilnehmenden Einrichtungen Objektivität und Sicherheit der gemeldeten Daten.
In dem Dilemma des Mangels an eminent wichtigen prospektiv-randomisierten Studien haben prospektive Beobachtungsstudien ihre herauszustellende Bedeutung. Beide Studienformen sollten daher als sich ergänzende analytische Methoden betrachtet werden. Beobachtungsstudien zeichnen sich dabei durch geringere Kosten und eine größere Patientenzahl aus [3].
Einen entscheidenden Anteil am Durchbruch der Bewertung von prospektiven Beobachtungsstudien haben BENSON und HARTZ. Ihre Veröffentlichung „A comparison of observational studies and randomized, controlled trials“ im New England Journal of Medicine vergleicht 19 verschiedene Therapien in über 136 Publikationen [4]. Dabei waren die Ergebnisse der kontrollierten Studien und der Beobachtungsstudien bei jeweils gleicher Fragestellung trotz unterschiedlichem Studiendesign gleich [1,4].
Neben dem Ziel der klinischen Beobachtungsstudien, evidenzbasiertes Wissen zu erarbeiten, bieten sie in Form von Qualitätssicherungsstudien die Möglichkeit, Risikofaktoren, prognostische Indikatoren und Langzeiteffekte sowie -komplikationen insbesondere im klinischen Alltag zu identifizieren und die Güte der spezifisch zu untersuchenden medizinischen (wie z. B. operativen) Therapiemaßnahme(n) zu eruieren.
Vorteile von Beobachtungsstudien im Vergleich mit randomisierten Studien sind insbesondere:
- keine Beschränkung der Patientenzahlen,
- exaktere Angaben zu Fehlern und Komplikationen aufgrund der höheren Fallzahlen und der Erfassung der täglichen klinischen Praxis,
- kein Vorliegen strenger Ein- und Ausschlusskriterien,
- Erfassung verschiedener Zielkriterien,
- keine Einschränkung der Zielkriterien aufgrund ethischer Gesichtspunkte,
- Erfassung der täglichen Routine („Effectiveness“),
- keine zeitliche Einschränkung der Erfassung der Nachsorge,
- gute Durchführbarkeit,
- geringere Kosten.
Beobachtungsstudien haben jedoch auch folgende Nachteile:
- Selektions-Bias durch fehlende Randomisierung,
- Überschätzung des Behandlungseffekts durch fehlende Randomisierung,
- Einflüsse durch bekannte und unbekannte Störfaktoren („Confounder“),
- fehlende Möglichkeit der Verblindung,
- unvollständige Erfassung aller relevanten Daten,
- geringe interne bei hoher externer Validität [1]
- Vergleichbarkeit nur mit Risikoadjustierung.
Eine Standardisierung präoperativer Untersuchungen, operativer Techniken und die Langzeitkomplikationsanalyse, wie sie für die Chirurgie und Operationen bzw. das perioperative Management wesentlich sind, sind jedoch anhand von Routinedaten als Qualitätsparameter nicht gewährleistet.
Patienten mit gleicher Grunderkrankung unterscheiden sich hinsichtlich Alter, Geschlecht, Schweregrad, Begleiterkrankungen, Funktionsfähigkeit und weiteren Faktoren, die den Behandlungserfolg beeinflussen können. Eine Möglichkeit, doch eine Vergleichbarkeit herzustellen, ist die Risiko-Adjustierung bezüglich gezielter Faktoren wie beispielsweise des BMI (body mass index), der Begleit- bzw. Folgeerkrankungen und deren Schweregrad, der Vorerkrankungen und Voroperationen. Auch demografische Faktoren, subjektiver Gesundheitsstatus, kognitive, seelische und soziale Funktionen und auch Lebensstil-Faktoren sind in die Risiko-Adjustierung einzubeziehen.
Zusätzlich kann durch ausreichend hohe Fallzahlen aus vielen Kliniken unterschiedlichen Profils unter Nutzung moderner biostatistischer Methoden die umgehende Evaluierung neuer operativer/interventioneller (auch medikamentöser) Behandlungsverfahren erfolgen.
Über langjährige Erfahrungen mit dieser Form der chirurgischen Qualitätssicherung verfügt das „An-Institut für Qualitätssicherung in der operativen Medizin“ an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, das 1998 gegründet wurde.
Die Qualitätssicherungsstudien, die an diesem Institut durchgeführt werden, wie z. B. für die:
- Therapie des Kolon- und Rektumkarzinoms *)
- Therapie des Magenkarzinoms
- Therapie der akuten Appendicitis **)
- operative Therapie der Adipositas ***)
- Pankreas-assoziierten operativen Eingriffe
- SILS (Single-Incision Laparoscopic Surgery)
sind hierfür sehr geeignete Instrumente.
Zeitweise wurden mit den laufenden Qualitätssicherungsstudien zirka 75 bis 85 % aller Eingriffe in den genannten Feldern der Viszeralchirurgie in Deutschland erfasst mit einem flächendeckenden Netzwerk von bis 300 beteiligten Kliniken jeglichen Profils.
*) Fußnote 1:
> So wurden beispielsweise in dem Zeitraum vom 01.01.2000 bis 31.12.2010 33.724 Patienten (!) mit einem Rektumkarzinom in der Qualitätssicherungsstudie „Rektumkarzinom“ erfasst [5]. Ein wichtiger onkochirurgischer Teilaspekt ist die Durchführung der totalen mesorektalen Exzision (TME).
> Die Resektion von in den unteren 2 Rektumdritteln lokalisierten Karzinomen kann in der flächendeckenden Versorgung heute als etabliert angesehen werden. Während zu Beginn der Datenerfassung im Jahr 2000 die TME-Rate noch bei 75,2 % lag, wurden im Jahr 2010 95,3 % der Rektumkarzinome in den unteren 2 Dritteln nach dem Prinzip der TME behandelt.
> Ein weiterer Meilenstein war, dass die 5-Jahres-Lokalrezidivrate der 2005/2006 resezierten Patienten im UICC-Stadium I bis III mit 4,6 % signifikant niedriger (p < 0,001) als 2000/2001 (11,7 %) lag (UICC: Union internationale contre le cancer). Erreicht wurde diese Verbesserung der onkologischen Ergebnisqualität durch eine kontinuierliche Qualitätskontrolle und die daraus resultierenden praxisrelevanten Konsequenzen.
**) Fußnote 2:
> Die Appendektomie stellt mit ca. 135.000 Operationen pro Jahr einen der häufigsten operativen Eingriffe in der Allgemein- und Viszeralchirurgie dar.
> In der Studie 2008/09 zeigte sich ein signifikanter Vorteil der laparoskopischen Vorgehensweise gegenüber dem konventionellen Verfahren bei Wundheilungsstörungen (p < 0,001) und der Gesamtaufenthaltsdauer (p < 0,001).
> In keinem Entzündungsstadium der Appendizitis war eine signifikant erhöhte Rate intraabdomineller Abszesse nachweisbar.
> Die Operationszeit der laparoskopischen Appendektomie war kürzer als beim konventionellen Verfahren (46,6 min vs. 53,5 min).
> Die laparoskopische Appendektomie ist in der aktuellen operativen Therapie das deutlich dominierende Verfahren. Die früher publizierten Nachteile der laparoskopischen Appendektomie sind heute nicht mehr nachweisbar [6].
***) Fußnote 3:
> Für die Adipositas und Metabolische Chirurgie war die Teilnahme an der Studie für Qualitätssicherung in der operativen Therapie der Adipositas = German Bariatric Surgery Registry (GBSR) in den Jahren 2005 – 2018 Voraussetzung für die Zertifizierung durch die CAADIP (Chirurgische Arbeitsgemeinschaft für Adipositastherapie). Sie gehörte bis zum Jahr 2015 und dem Beginn des Studoq-Registers zu den größten Datenbanken zur Adipositas und Metabolischen Chirurgie weltweit. Mehr als 70 Publikationen in peer reviewed journals waren das Ergebnis des GBSR [7-8].