Während die Diskussion möglicher Ursachen und Auswirkungen dieser Besonderheit sowie die Untersuchung der weiteren skizzierten Beobachtungen durch die in Magdeburg, Halle (Saale), Hildesheim und Saarbrücken ansässigen Mitglieder der multidisziplinären Forschergruppe gegenwärtig noch nicht abgeschlossen sind, ermöglichen die naturwissenschaftlichen Analysen von Knochenproben aus dem Sarg Ottos I. am Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie (CEZA) in Mannheim bereits erste wichtige Aussagen.
Einerseits erbrachte die Radiokohlenstoffdatierung (14C-Methode) Werte, die im erwarteten Altersbereich liegen und somit mit der historischen Einordnung der sterblichen Überreste von Otto dem Großen übereinstimmen. Daneben gaben Isotopenanalysen Auskunft über die Ernährungsgewohnheiten des Verstorbenen. Die Ergebnisse sprechen für den häufigen Verzehr tierischer Proteine und wahrscheinlich auch von Süßwasserfisch. Dazu kamen in Mitteleuropa gängige Nahrungspflanzen, vor allem Getreide sowie Hülsenfrüchte, wobei die bei ärmeren Bevölkerungsschichten verbreitete Hirse offenbar nicht in größerem Maßstab verzehrt wurde. Diese Nahrungsgewohnheiten sind typisch für elitäre Persönlichkeiten des Mittelalters aus dem mitteleuropäischen Raum.
Zusammenfassend stammen die sterblichen Überreste aus der Grablege Ottos des Großen also von einem großgewachsenen Mann, der im Alter von etwa 60 Jahren starb, der mittelalterlichen Elite angehörte, sich häufig reitend fortbewegte und, so deuten es die verschiedenen Verletzungsspuren an, ein bewegtes Leben führte.
Der Körper des Kaisers! Archäogenetische Untersuchungen erbringen bahnbrechende Erkenntnisse
Sprechen bereits die vorstehend angeführten Ergebnisse der anthropologischen, osteologischen und naturwissenschaftlichen Untersuchungen für eine Identifikation des Skeletts aus dem Grab Ottos des Großen mit den sterblichen Überresten des Kaisers, so liefern archäogenetische Untersuchungen des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie (MPI EVA), Leipzig, ein entscheidendes, ausschlaggebendes Indiz.
Möglich war dies aufgrund der Tatsache, dass dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie nicht nur Proben aus der Bestattung Ottos des Großen vorlagen, sondern auch von sterblichen Überresten, die traditionell einem nahen Verwandten des Kaisers zugeschrieben werden. So befinden sich in der Reliquiensammlung des Bamberger Domes der Schädel sowie die Oberschenkelknochen Heinrichs II. (973 bis 1024), des letzten Ottonenherrschers auf dem ostfränkischen Kaiserthron, der zusammen mit seiner Ehefrau Kunigunde im Bamberger Dom bestattet und als einziger mittelalterlicher Kaiser heiliggesprochen wurde. Mit Zustimmung des Domkapitels sowie des Erzbischofs Herwig Grössl wurden diesen Gebeinen Anfang 2025 kleine Proben zur DNA-Analyse entnommen, deren Ergebnisse ebenfalls vorliegen.
Sie belegen, dass alle drei Heinrich II. zugeschriebenen Knochen der Bamberger Reliquiensammlung von einem einzigen Individuum stammen. Von besonderer, ausschlaggebender Bedeutung ist allerdings die Tatsache, dass dieses Individuum sowie das Individuum aus dem Sarg Ottos des Großen biologisch nahe miteinander verwandt sind. Sie sind durch eine genetische Verwandtschaft dritten Grades miteinander verbunden, wobei die Verwandtschaft über gemeinsame Vollgeschwister verläuft und über eine ununterbrochene männliche Linie zurückzuverfolgen ist, beide Individuen also in männlicher Linie auf einen gemeinsamen Ahnen zurückgehen.
Dies passt schlüssig zur historischen Überlieferung, der zufolge Kaiser Heinrich II. als Enkel von Ottos Bruder Herzog Heinrich von Bayern der Großneffe des in Magdeburg bestatteten Kaisers war.
Damit belegen die archäogenetischen Untersuchungsergebnisse nicht nur die Verwandtschaft der beiden untersuchten Individuen, sondern darüber hinaus auch die Echtheit und Identität der Gebeine Heinrichs II. und Ottos I. So wäre es höchst unwahrscheinlich anzunehmen, dass die sterblichen Überreste der Kaiser sowohl in Magdeburg als auch Bamberg ausgetauscht wurden und dabei die Gebeine zweier anderer, über die väterliche Linie im dritten Grad miteinander verwandte mittelalterliche Individuen in die Grablegen gelangt wären. Vielmehr ist im Umkehrschluss die Folgerung erlaubt, dass es sich bei den untersuchten sterblichen Überresten tatsächlich um die Gebeine der beiden Kaiser Otto I.
und Heinrich II. handelt. Die Identifizierung des Bestatteten aus dem kaiserlichen Grabmal im Magdeburger Dom als Otto I. darf damit als bestätigt gelten.
»Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit haben wir hier also die tatsächlichen sterblichen Überreste Kaiser Ottos des Großen vor uns«, so der Direktor des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Prof. Dr. Harald Meller.
Stimmen der multidisziplinären Forschergruppe anlässlich der Vorstellung erster Untersuchungsergebnisse im März 2026
Dr. Mathias Becker, Geschäftsführender Oberarzt am Universitätsklinikum Magdeburg, Zentrum für Radiologie an der Universitätsklinik für Radiologie und Nuklearmedizin: »An der Untersuchung Ottos des Großen mitzuwirken, empfinde ich als einmalige Gelegenheit und große Ehre. In fachlicher Hinsicht ist die Erweiterung des Canalis Caroticus an der Schädelbasis besonders faszinierend, da die Suche nach den möglichen Ursachen dieses Phänomens unmittelbar Fragen nach dem Gesundheitszustand des Kaisers zum Zeitpunkt seines Todes berührt.«
PD Dr. Oliver Großer, Leitender Medizinphysiker am Universitätsklinikum Magdeburg, Zentrum für Radiologie an der Universitätsklinik für Radiologie und Nuklearmedizin: »Die Computertomographie der Gebeine Ottos des Großen durchzuführen, war etwas ganz Besonderes. Ich freue mich sehr, dass wir mit den hochinnovativen Geräten und dem Knowhow der Magdeburger Universitätsklinik für Radiologie und Nuklearmedizin zur Untersuchung dieser für Magdeburg so bedeutenden historischen Persönlichkeit beitragen können.«