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Fortbildungsveranstaltung

Zusammenarbeit in lebensbedrohlichen Einsatzlagen (lebEL)

Zusammenarbeit in lebensbedrohlichen Einsatzlagen (lebEL)

Sitzung der Ärztekammer mit zahlreichen Teilnehmern an Tischen, Vortragendem am Podium und Präsentation im Konferenzraum.
Jana Barnau (wissenschaftl. Leitung) Prof. Dr. Uwe Ebmeyer (Präsident ÄKSA) Dr. Tamara Zieschang (Innenministerin LSA) Dr. Orkun Özkurtul (Referent, Polizeiarzt)

Die Bewältigung von herausragenden Einsatzlagen mit einer hohen Anzahl von Verletzten ist auf Grund ihrer Dynamik, Komplexität und Schnittstellenproblematik zu anderen Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) eine besondere Herausforderung für alle Beteiligten und vor Ort Agierenden.

Dies betrifft auch sogenannte lebensbedrohliche Einsatzlagen (lebEL), im polizeitaktischen Sinne definiert als alle zunächst nicht eindeutig einzuordnenden Einsatzanlässe (unmittelbar bevorstehend oder bereits realisiert) mit akuter Lebensgefahr für Opfer, Unbeteiligte und Einsatzkräfte, bei denen ein oder mehrere Täter insbesondere mittels Waffen, Sprengmitteln, gefährlichen Werkzeugen bzw. Stoffen oder außergewöhnlicher Gewaltanwendung gegen Personen vorgehen, diese verletzt oder getötet haben und bei denen weiter auf Personen eingewirkt werden kann.

Die Ärztekammer und das Innenministerium des Landes Sachsen-Anhalt konnten nach einer Planungs- und Vorbereitungszeit seit Sommer 2024 erstmalig im November 2025 eine dreitägige Veranstaltung zur Thematik „Zusammenarbeit in lebEL“ anbieten.

Die neu konzipierte Veranstaltung unter der Schirmherrschaft der Innenministerin war gerichtet an die Zielgruppen Leitende Notärzte und Führungskräfte der Polizei. Ziel der Pilotveranstaltung war es, das gegenseitige Kennenlernen, die Zusammenarbeit in Einsätzen und die regionale Vernetzung nachhaltig zu fördern. Daher wurden Teilnehmer jeweils aus der Stadt Magdeburg, dem Bördekreis und dem Salzlandkreis eingeladen, angelehnt an die jeweiligen Rettungsdienstbereiche bzw. Polizeireviere und Polizeiinspektion.

Gerade die Anfangsphase von lebEL ist gekennzeichnet durch ein hohes Hinweis- und Notrufaufkommen, ein schwer abschätzbares Gefahrenpotenzial vor Ort und einen hohen Zeit-, Entscheidungs- und Handlungsdruck. Auch lässt der Mangel an Einsatzkräften sowie an Führungs- und Einsatzmitteln nur begrenzte Handlungsmöglichkeiten zu. Das erhebliche Informationsdefizit führt zu einem dringlichen Melde- und Abstimmungsbedarf aller Beteiligten, auch untereinander. Daher ist es unabdingbar, die Arbeitsweise der anderen BOS im Vorfeld zu kennen, um Probleme an Schnittstellen und in der Kommunikation zu vermeiden und frühzeitig Lösungsstrategien für die Abarbeitung dieser taktischen Lagen zu entwickeln.

Gespräch zwischen einem Mediziner und einem Polizeibeamten im Rahmen einer Fachveranstaltung zu interdisziplinärer Zusammenarbeit.
Polizeidirektor Sebastian Heutig (Vorsitz Landesarbeitsgruppe lebEL der Polizei, Innenministerium), Prof. Dr. Uwe Ebmeyer (Präsident ÄKSA) (v. r.)
Praktische Übung zur medizinischen Notfallversorgung: Teilnehmer trainieren invasive Maßnahmen an einem Simulationsmodell.
Teilnehmer im Stationstraining – Darstellung der Thoraxentlastungspunktion
Praktische Schulung zur Notfallmedizin: Teilnehmer üben die Versorgung schwerer Verletzungen an realistischen Simulationsmodellen.
die Polizeiärzte Dr. Orkun Özkurtul und Dr. Jörn Tilsen (v. r.) beim Stationstraining und Darstellung der Wundtamponade
Polizeibeamter mit Abzeichen der Polizei Sachsen-Anhalt bei einer interdisziplinären Fortbildung im medizinischen Kontext.

Nach den terroristischen Anschlägen in Paris im Jahr 2015 sowie auf den Berliner Weihnachtsmarkt im Jahr 2016 wurden neue Festlegungen zur Ausstattung und Ausrüstung der Polizeien von Bund und Ländern getroffen, um auf diese besonderen Einsatzlagen reagieren zu können. Daraufhin führte das Land Sachsen-Anhalt 2017 eine Landeskonzeption für lebensbedrohliche Einsatzlagen ein, in der Definitionen, Einsatzgrundsätze, Zuständigkeiten, der strukturelle Aufbau der Polizei in diesen Lagen, mögliche Szenarien und Sofortmaßnahmen verschriftlicht sind. Des Weiteren formulierte man in einer Aus- und Fortbildungskonzeption, welche Themen an welche Zielgruppen in der Polizei standardisiert vermittelt werden müssen. Über die Ausbildung von Multiplikatoren wurde begonnen, Themen wie Einsatztaktik, einsatzmäßiges Schießen, Einsatztraining sowie Taktische Einsatzmedizin (TEM) an die Zielgruppen heranzutragen. Aktuell sind mittels Konzeption über 6.000 Polizeibeamte geschult und auf den gemeinsamen Einsatz in lebEL vorbereitet.

Dagegen gibt es in Sachsen-Anhalt keine zentralen Vorgaben für das Vorgehen in lebEL für Rettungsdienst, Feuerwehr, andere BOS und Einsatzorganisationen. Dies wurde auch von den Teilnehmern der Veranstaltung angemerkt, ein gemeinsames Entwickeln von Lösungsstrategien wurde gefordert.

Das unterschiedliche Vorgehen der Zielgruppen Polizei und LNA/Rettungsdienst in lebEL sollte in der Veranstaltung zur Diskussion gestellt werden, Einsatzerfahrungen sollten ausgetauscht werden. In der Evaluation hatten 90 % der polizeilichen Teilnehmer Erfahrungen mit Einsätzen zur Thematik lebEL angegeben, bei den LNAs dagegen waren es 65 %.

Verschiedenste Themen wurden angesprochen: die allgemeine Struktur der Landespolizei mit den zugehörigen Aufgabenfeldern, deren lebEL-Konzeption und Umsetzung über die Aus- und Fortbildung, Konzepte zur Betreuung und Krisenintervention, medizinische Komponenten in der Polizei, Ausrüstung und Ausstattung der Polizeikräfte, Resilienz und Handlungsfähigkeit von Einsatzkräften, Handlungsempfehlungen zum Massenanfall von Verletzten, Aufstellung der rettungsdienstlichen Träger in lebEL, erwartbare Verletzungsmuster und Wundballistik, Verletztenversorgung in lebEL sowohl prähospital als auch in der aufnehmenden Klinik sowie Erfahrungen aus der Versorgung von Kriegsverletzten in der Ukraine.

Sichtung und Vorbereitung von Notfallausrüstung bei einer medizinischen Fortbildung zur interdisziplinären Einsatzvorbereitung.

Vorstellung der polizeilichen Ausstattung – Rucksäcke der Rettungssanitäter von Bereitschaftspolizei

Gespräch zwischen Polizei und zivilen Teilnehmern bei einer Fortbildung zu lebensbedrohlichen Einsatzlagen und Zusammenarbeit.

Vorstellung der polizeilichen Einsatzbekleidung – Reviereinsatzdienst

Teilnehmer einer Fortbildung prüfen gemeinsam Notfall- und Schutzausrüstung bei einer Übung zu lebensbedrohlichen Einsatzlagen.

Vorstellung der polizeilichen Ausstattung – Rucksäcke der Rettungssanitäter von Spezialeinheiten

Polizeibeamte in Schutz- und Einsatzausrüstung erläutern Ausrüstung und Vorgehen im Rahmen einer medizinisch-polizeilichen Fortbildung.

Vorstellung der polizeilichen Einsatzbekleidung – Bereitschaftspolizei

Grundsätzlich übernimmt die Polizei in einer lebensbedrohlichen Einsatzlage die Führung des Einsatzes. Oberstes Ziel ist die Wiederherstellung der Sicherheit, sofortige polizeiliche Zugriffs- oder Interventionsmaßnahmen unter Inkaufnahme eines hohen Eigenrisikos haben zu erfolgen. Von den eingesetzten Beamten wird ein offensives Vorgehen gegen den oder die Täter gefordert, um eine Handlungsunfähigkeit zu erreichen und eine Fortsetzung der Tat zu verhindern. Der Fokus der Polizei liegt auf der Intervention, der permanenten Gefahrenanalyse und Bewertung der taktischen Lage (Gefahr von Mehrfachanschlägen, mobile Lagen, mehrere Täter) und der Definition von Gefahrenbereichen. Erst, wenn vom Täter keine Gefahr für weitere potenzielle Opfer mehr ausgeht, ist eine Verletztenversorgung durch die Polizei möglich. Die Beamten sind zu den Besonderheiten der medizinischen Versorgung in lebEL im Sinne der Taktischen Einsatzmedizin geschult, auch steht ihnen ein persönliches Equipment (MediPack) zum Versorgen von Verletzungen zur Verfügung. Dies wurde auch im Kurs demonstriert: Bodycheck-Schemata zur zügigen Erst-Untersuchung des Betroffenen wurden vorgestellt, die Teilnehmer konnten im Anschluss an Verletztendarstellern üben. Auch wurden die verschiedenen Ausrüstungen der medizinischen Komponenten der Polizei gezeigt, die Anlage von Tourniquet und Notfallverband als Hauptbestandteil des MediPacks trainiert. Im Stationstraining wurden weitere, auch invasive Maßnahmen, vorgestellt, die vor allem den Führungskräften der Polizei einen Eindruck der Verletztenversorgung durch den Notarzt vermitteln sollten.

Wichtig war die Erkenntnis, dass die Eigensicherung für alle eingesetzten Kräfte immer Vorrang vor Fremdrettung haben muss. Eine Verletztenversorgung in unsicheren oder teilsicheren Bereichen sollte nur durch die Polizei erfolgen, die Erstversorgung durch den Rettungsdienst in durch die Polizei gesicherten Bereichen ist kurz zu halten („run and treat“), Kräfteansammlungen sind zu vermeiden.

Feuerwehrangehöriger steht an geöffnetem Einsatzfahrzeug mit medizinischer Ausrüstung und Materialboxen für den Rettungseinsatz.

Markus Manthey (Feuerwehr Berlin) – Vorstellung eines besonderen Gerätewagens (GW RettMat) und des zugehörigen Konzeptes für spezielle Einsatzlagen

Teilnehmer einer Fortbildung analysieren gemeinsam eine Luftaufnahme und besprechen Einsatz- und Entscheidungsabläufe.

Teilnehmer in der Planbesprechung

Teilnehmerinnen einer Fortbildung ordnen Karten mit Begriffen und Prioritäten im Rahmen einer gemeinsamen Übung.

Teilnehmerinnen im Stationstraining

Teilnehmer eines interdisziplinären Austauschs aus Medizin, Polizei und Feuerwehr vor einem Einsatzfahrzeug der Berliner Feuerwehr.

Organisatoren/Ausbilder/Referenten: Dr. Jörn Tilsen, PHM Frank Thiele, Dr. Orkun Özkurtul, PK´in Xenia Schollbach, Jana Barnau, POK Daniel Wust (v. r.)

In einer Planbesprechung am dritten Tag konnten die Teilnehmer eine lebEL-Situation an einem dargestellten Fall diskutieren. Unterschiedliche Vorgehensweisen wurden sichtbar, gemeinsame Schnittstellen erkannt, aber auch mögliche Probleme in der Zusammenarbeit aufgeworfen. Gerade die praktischen Anteile der Veranstaltung sowie der gemeinsame Austausch wurden positiv bewertet, die fachliche Expertise der Referierenden sowie der wertschätzende, kollegiale und offene Umgang aller Teilnehmer, Referenten, Unterstützer und Gäste wurden gelobt.

Diese Pilotveranstaltung soll nur den Auftakt für die Verbesserung der Zusammenarbeit in lebensbedrohlichen Einsatzlagen setzen. Weitere Veranstaltungen in dieser Form sind geplant, beginnend im Januar 2026 mit Teilnehmern aus der Stadt Halle (Saale) sowie den Landkreisen Saalekreis und Mansfeld-Südharz.

Fotos: Barnau/Basaran/ÄKSA

Autorin

Jana Barnau l ehemalige Polizeiärztin
AuF-Konzeption lebEL l Bereich Taktische Einsatzmedizin
aktuell Leitung Abt. Fortbildung ÄKSA