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Jahreskongress der Mitteldeutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, der Mitteldeutschen Chirurgenvereinigung und der Thüringer Gesellschaft für Chirurgie 2026

Interdisziplinarität als Antwort auf den Strukturwandel im Gesundheitswesen

Interdisziplinarität als Antwort auf den Strukturwandel im Gesundheitswesen
Seminargebäude des Kongresscentrums Weimar

Seminargebäude des Kongresscentrums Weimar

Foto: Klinik für Allgemein- Viszeral-, Gefäß- und Transplantationschirurgie; Universitätsklinikum Magdeburg A. ö. R.

Das Manuskript wurde bereits beim „Thüringer Ärzteblatt“ eingereicht.

Sabine Presser1, Frank Meyer2, Peter Konturek3, #, Peter Würl4, #

1 Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, SRH Zentralklinikum Suhl
2 Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Gefäß- und Transplantationschirurgie, Otto-von-Guericke-Universität mit Universitätsklinikum Magdeburg
3 Klinik für Innere Medizin II, Thüringen-Klinik Saalfeld
4 Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie, Städtisches Klinikum Dessau

# Die Autoren P. K. und P. W. sind als gleichberechtigte „senior authors“ zu betrachten.

Vom 5. bis 6. Juni 2026 fand in Weimar erneut die gemeinsame Jahrestagung der „Mitteldeutschen Gesellschaft für Gastroenterologie“ (MGG), der „Mitteldeutschen Chirurgenvereinigung“ (MDCV) und erstmals in erweiterter Form auch der „Thüringer Gesellschaft für Chirurgie“ (TGC) im bewährten Format der „Viszeralmedizin Mitteldeutschland 2026“ statt. Die gemeinsame Veranstaltung entwickelte sich erneut zu einem bedeutenden wissenschaftlichen und berufspolitischen Forum der mitteldeutschen Viszeralmedizin.

Unter der wissenschaftlichen Leitung der KongresspräsidentInnen, Chefärztin Dr. Sabine Presser (Suhl), Professor Dr. Peter Konturek (Saalfeld) sowie Professor Dr. Peter Würl (Dessau) stand die Tagung ganz im Zeichen interdisziplinärer Zusammenarbeit, medizinischer Innovationen und der aktuellen strukturellen Herausforderungen des Gesundheitswesens. Die Initiative zur engen Zusammenarbeit der drei Fachgesellschaften wurde maßgeblich durch die Thüringer Gesellschaft für Chirurgie und insbesondere durch deren Vorstandsvorsitzende Dr. Sabine Presser initiiert und aktiv vorangetrieben. Ihr besonderes Engagement für interdisziplinäre Vernetzung, moderne Versorgungsstrukturen und die Stärkung regionaler medizinischer Kooperationen prägte die gemeinsame Kongressgestaltung in wesentlicher Weise.

Die Wahl Weimars als Austragungsort erwies sich erneut als passend. Das Seminargebäude der Weimarhalle bot mit moderner Kongressinfrastruktur und zentraler Lage einen geeigneten Rahmen für den Austausch zwischen Gastroenterologie, Chirurgie und den angrenzenden Disziplinen. Bereits in den Eröffnungsworten wurde deutlich, dass die Tagung weit über klassische wissenschaftliche Fortbildung hinausging. Die Kongresspräsidentinnen und -präsidenten verwiesen auf die tiefgreifenden Veränderungen im deutschen Gesundheitswesen: Krankenhausreform, zunehmender ökonomischer Druck, Strukturveränderungen in Klinik und Niederlassung sowie Fragen der sektorenübergreifenden Versorgung prägten den Hintergrund zahlreicher Diskussionen. Dabei zeigte sich eindrucksvoll, dass moderne Viszeralmedizin heute nicht mehr allein über technische Innovation definiert wird, sondern zunehmend auch über Strukturqualität, interdisziplinäre Netzwerke und nachhaltige Nachwuchsförderung.


Wissenschaftliches Programm

Das wissenschaftliche Programm spannte einen breiten thematischen Bogen von Endoskopie, Hepatologie und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen über Robotik, Onkologie und Adipositasmedizin bis hin zu Gefäß- und Thoraxchirurgie. Besonders die interventionelle Endoskopie verdeutlichte die Dynamik des Faches. Moderne minimalinvasive Verfahren, KI-gestützte Bildanalysen sowie neue therapeutische Strategien zeigten eindrucksvoll, wie sich die Grenzen zwischen konservativen und operativen Therapieverfahren zunehmend verschieben. Parallel dazu wurden standardisierte Qualitätskriterien in Vorsorge und Tumordiagnostik intensiv diskutiert. Breiten Raum nahm auch die robotisch assistierte Chirurgie ein. Während robotische Systeme vor wenigen Jahren noch nahezu ausschließlich universitären Zentren vorbehalten waren, wurde in Weimar deutlich, dass diese Technologien inzwischen zunehmend Eingang in die klinische Routine mittelgroßer Krankenhäuser finden. Neben technischen Aspekten standen dabei insbesondere Ausbildungsfragen, Wirtschaftlichkeit und die Integration neuer Systeme in bestehende Versorgungsstrukturen im Mittelpunkt.

Einen weiteren Schwerpunkt bildeten multimodale onkologische Therapiekonzepte. Zahlreiche Beiträge unterstrichen die enge Verzahnung von Gastroenterologie, Chirurgie, Onkologie, Radiologie und Pathologie. Gerade in der Tumormedizin wurde die zentrale Bedeutung interdisziplinärer Tumorboards hervorgehoben, deren organisatorische Umsetzung unter den aktuellen gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen allerdings zunehmend anspruchsvoll erscheint. Bemerkenswert war zudem die starke Präsenz der Adipositasmedizin. Neben bariatrisch-chirurgischen Verfahren standen konservative Therapieansätze sowie moderne medikamentöse Konzepte im Fokus. Die Diskussionen spiegelten den grundlegenden Paradigmenwechsel wider, Adipositas zunehmend als chronische multifaktorielle Erkrankung und nicht mehr primär als Lifestyle-Problem zu verstehen.

Personen im Foyer eines Kongresses im Gespräch, Registrierungstisch im Hintergrund mit Mitarbeitern.

Nächstjähriger Kongresspräsident (MGG): Herr Dr. Leonhard, Gardelegen, bei der Ankündigung des Kongresses 2027

Blick in einen großen Kongresssaal mit Publikum und Podium, auf dem ein medizinischer Fachvortrag gehalten wird.

Die Kongressorganisation KUK (Kongress- und Kulturmanagement), repräsentiert durch Frau Lammert (links)

Blick in einen großen Kongresssaal mit Publikum und Podium, auf dem ein medizinischer Fachvortrag gehalten wird.

Anne Jacobsen, Teilnehmerin der separaten Sitzung „Junges Forum“

Teilnehmer eines medizinischen Kongresses betrachten gemeinsam Unterlagen und diskutieren Inhalte.

Die drei KongresspräsidentInnen (v. l.): Herr Prof. Dr.
P. Würl (MDCV), Frau Dr. S. Presser (TGC), Herr Prof. Dr. P. Konturek (MGG)

Blick in einen großen Kongresssaal mit Publikum und Podium, auf dem ein medizinischer Fachvortrag gehalten wird.

Kongresspräsidentinnen – TGC (v. l.):
Frau Dr. S. Presser (aktuell), Suhl, und
Frau Prof. Dr. C. Stroh (2022 – 2024), Gera

Blick in einen großen Kongresssaal mit Publikum und Podium, auf dem ein medizinischer Fachvortrag gehalten wird.

Festredner Herr Prof. Dr. J. Krause (Leipzig)

Blick in einen großen Kongresssaal mit Publikum und Podium, auf dem ein medizinischer Fachvortrag gehalten wird.

KongressteilnehmerInnen (v. r.): Herr Prof. Dr. C. Schmidt (MGG), vormaliger Kongresspräsident 2024,
aus Fulda und Kathleen Lange aus Jena

Blick in einen großen Kongresssaal mit Publikum und Podium, auf dem ein medizinischer Fachvortrag gehalten wird.

3. Preisträger des „Jungen Forums“, Herr Pascal Menn (Saalfeld)

Nachwuchsförderung und Weiterbildung

Einen besonderen Stellenwert nahm erneut die Förderung des medizinischen Nachwuchses ein. Anstelle der klassischen Postersitzung wurde ein „Junges Forum“ mit 14 vorab begutachteten Kurzvorträgen etabliert, das sich rasch zu einem der Höhepunkte des Kongresses entwickelte. Unter dem Format „My best case“ präsentierten junge Kolleginnen und Kollegen eindrucksvolle Kasuistiken aus Gastroenterologie und Chirurgie. Damit unterstrich der Kongress seinen Anspruch, nicht nur wissenschaftliche Plattform, sondern zugleich aktives Netzwerk für Nachwuchsförderung und interdisziplinären Austausch zu sein.
Preise des „Jungen Forums“
Die besten Beiträge des „Jungen Forums“ wurden abschließend ausgezeichnet:

1. Preis: Mahmoud Hashem (Saalfeld)
„Wenn ein scheinbar multifokales hepatozelluläres Karzinom keines ist“
2. Preis: Dr. Jasmin Dillner (Magdeburg)
„Komplizierte Behandlung eines Typ-I-Endoleaks“
3. Preis: Pascal Menn (Saalfeld)
„Diagnostik eines großen Phäochromozytoms im Rahmen der Abklärung einer Pyelonephritis“

Weiterhin erhielt zudem die Sitzung zur chirurgischen Weiterbildung am zweiten Kongresstag besondere Aufmerksamkeit. Vertreterinnen und Vertreter der jungen Assistenzärzteschaft diskutierten innovative Weiterbildungskonzepte, darunter die verbindliche tägliche Integration von Weiterbildungselementen in den klinischen Alltag sowie strukturierte individuelle Weiterbildungspfade für Facharztkandidatinnen und -kandidaten.

Berufspolitik

Neben den wissenschaftlichen Sitzungen spielten auch berufspolitische Diskussionen eine zentrale Rolle. Viele Beiträge waren geprägt von der Sorge um die zukünftige Sicherstellung wohnortnaher Versorgung, die Attraktivität chirurgischer und gastroenterologischer Weiterbildung sowie die wirtschaftliche Stabilität kleinerer und mittlerer Krankenhausstandorte.

Gleichzeitig überwog jedoch keineswegs Resignation. Vielmehr wurde deutlich, dass zahlreiche Kliniken die aktuellen Reformprozesse aktiv nutzen wollen, um regionale Kooperationen auszubauen und interdisziplinäre Versorgungsstrukturen weiterzuentwickeln.


Festvortrag: Genetik, Migration
und menschliche Evolution

Ein besonderer wissenschaftlicher Höhepunkt war der Festvortrag von Professor Dr. Johannes Krause, Direktor des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie, Leipzig, zu „Die genetische Geschichte der Europäer: Migration und Anpassung in der Vorgeschichte“. Krause spannte einen faszinierenden Bogen von frühen Jäger- und Sammlerpopulationen über die neolithische Expansion bis hin zu den großen Migrationsbewegungen der Bronzezeit. Eindrucksvoll zeigte er, wie moderne genetische Analysen das Verständnis der europäischen Frühgeschichte grundlegend verändert haben.

Als langjähriger Weggefährte von Nobelpreisträger Svante Pääbo war Krause maßgeblich an der Entwicklung der Paläogenetik beteiligt. Die Leipziger Arbeitsgruppe revolutionierte durch die Analyse alter DNA aus fossilen Knochen das Verständnis menschlicher Evolution und Anpassung. Besonders eindrucksvoll schilderte Krause, wie genetische Daten heute nicht nur Wanderungsbewegungen rekonstruieren, sondern auch Anpassungsprozesse an Ernährung, Krankheitserreger und Umweltbedingungen sichtbar machen können. Der Vortrag verband Evolutionsbiologie, Grundlagenforschung und Medizin in außergewöhnlicher Weise und gehörte zweifellos zu den Höhepunkten der Tagung.


Industrieausstellung und Digitalisierung

Die Industrieausstellung ergänzte das Kongressprogramm durch einen umfassenden Überblick über aktuelle Entwicklungen in Endoskopie, Robotik, digitaler Dokumentation und KI-gestützten Assistenzsystemen. Besonders auffällig war die zunehmende Digitalisierung diagnostischer und therapeutischer Prozesse in nahezu allen Bereichen der Viszeralmedizin.


Ausblick auf 2027 – Terminhinweis:

Bereits jetzt richtet sich der Blick auf die Jahrestagung der TGC, die auch im kommenden Jahr wieder in Weimar (27./28. Juni 2027) stattfinden wird, dann unter der Leitung von Professor Dr. Henning Mothes. Ein wesentliches Ziel bleibt dabei die noch stärkere aktive Einbindung weiterer chirurgischer Fachdisziplinen wie Gefäß-, Thorax-, Kinder-, Unfall- und plastischer Chirurgie.


Schlussbetrachtung

Die gemeinsame Jahrestagung von MGG, MDCV und TGC bestätigte eindrucksvoll ihre besondere Rolle innerhalb der mitteldeutschen Medizinlandschaft. Der Kongress verstand sich nicht nur als wissenschaftliche Fortbildungsveranstaltung, sondern zugleich als Signal für Zusammenhalt, Innovation und interdisziplinäre Zusammenarbeit in einer Zeit tiefgreifender struktureller Veränderungen. Am Ende blieb der Eindruck eines Kongresses, der die aktuellen Herausforderungen der Viszeralmedizin klar benannte, zugleich aber auch die Innovationskraft und den Gestaltungswillen der beteiligten Fachdisziplinen sichtbar machte. Erneut bestätigte sich dabei, dass Interdisziplinarität nicht nur programmatisches Leitmotiv, sondern gelebte klinische Realität geworden ist.

Teilnehmer eines medizinischen Fachkongresses im Gespräch, umgeben von Sitzreihen und weiteren Besucherinnen und Besuchern.
Blick in die Industrieausstellung
Korrespondenzadresse:

Dr. med. Sabine Jeanette Presser
Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie
SRH Zentralklinikum Suhl
Albert-Schweitzer-Straße 2
98527 Suhl
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Foto: Klinik für Allgemein- Viszeral-, Gefäß- und Transplantationschirurgie; Universitätsklinikum Magdeburg A. ö. R.