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Die ORAKEL-Studie Magdeburg

Critical Incident Reporting System (CIRS)-Fall: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt

Critical Incident Reporting System (CIRS)-Fall: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt

Foto: freepik.com/wavebreakmedia_micro

Im CIRS-NRW-Bericht des 3. Quartals 2025 findet sich unter der Fallnummer 273935 Folgendes: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt

Am 25. postoperativen Tag erfolgt die Rückverlegung eines Patienten nach einem thoraxchirurgischen Eingriff mit septischem Krankheitsbild auf die Intensivstation. Ursächlich für die Verschlechterung seines Zustandes ist eine katheterassoziierte Sepsis durch einen bereits seit 25 Tagen liegenden zentralen Venenkatheter.

Zentrale Venenkatheter (ZVK) sind ein integrales Werkzeug in der Behandlung kritisch kranker Patientinnen und Patienten. Gleichzeitig stellen ZVK-assoziierte Infektionen und Septikämien eine häufige und potenziell vermeidbare Komplikation der intensivmedizinischen Behandlung dar, welche mit einer Erhöhung der Morbidität und Mortalität sowie zusätzlichen vermeidbaren Behandlungskosten einhergeht.

Trotz der Relevanz gibt es aktuell keine umfassende Leitlinie zu diesem wichtigen Thema. Rekurrierende Leitlinien und deren Updates sind entweder bereits mehrere Jahre alt, umfassen nur Teilaspekte ZVK-assoziierter Infektionen, adressieren klinische Subgruppen oder sind nicht spezifisch auf die Behandlungssituation von Intensivpatientinnen und -patienten ausgelegt. Dringend benötigt wird daher eine umfassende Leitlinie zu ZVK-assoziierten Infektionen in der Intensiv- und Notfallmedizin, welche die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse berücksichtigt. Kenntnisse der Pathophysiologie und der mikrobiologischen Diagnostik erlauben es heute, die infektiösen Komplikationen von intravaskulären Kathetern auf unter eine Kathetersepsis-Episode pro 1000 Katheter-Anwendungstage zu senken. Um diese geringen Infektionsraten zu erreichen, erfordert dies je nach Klinik, Erkrankungen der Patientinnen und Patienten und Inzidenz eine maßgeschneiderte Strategie für die Prävention. Jede Klinik sollte daher über eine solche, auf ihr Risikoprofil angepasste, Strategie verfügen.

Teil dieser Strategie ist eine klinikinterne Leitlinie, in der auch unter anderem die Liegezeiten, die tägliche Begutachtung der Punktionsstelle, die Durchführung der Verbandswechsel und die Indikationsstellung verbindlich festgelegt sind. In dieser Hinsicht sind Nichterkennung oder Nichtbeachtung vermutlich heute die häufigsten Ursachen von katheterassoziierten Infekten und einer Kathetersepsis, ein Problemkreis, der gekoppelt an strukturelle Mängel, schwer zu entschärfen ist. Aber eine kontinuierliche Surveillance mit zielorientiertem, konstruktivem, interprofessionellem Feedback, Präsenz der Krankenhaushygiene und Infektiologie am Patientenbett sowie Einführung der aktuellsten diagnostischen Methoden sind Faktoren, mit denen sich Situation und Compliance weiter verbessern ließen.

Die Meldenden des Falls 273935 haben dazu pragmatisch vorgeschlagen und formuliert: „Vielleicht helfen doch Aufkleber am ZVK, wann dieser gelegt wurde?“ Gefahr erkannt, Gefahr gebannt.

Die Sepsis ist die schwerste Verlaufsform, die eine Infektion nehmen kann. Weltweit erkranken jährlich geschätzt rund 50 Millionen Patientinnen und Patienten an einer Sepsis; 11 Millionen versterben. Dies entspricht rund 20 % aller weltweiten Todesfälle.

Basierend auf Recherchen des Institutes für Qualität und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) in 2022 ist deutschlandweit von einer Inzidenz von ca. 240.000 Fällen/Jahr auszugehen, wovon ca. 50.000 Fälle mit septischem Schock assoziiert sind.

In entwickelten Ländern wie Deutschland versterben ca. 30 % der Patientinnen und Patienten mit Sepsis und etwa 60 % der Patientinnen und Patienten mit septischem Schock im Krankenhaus. Ein weiteres Drittel verstirbt im ersten Jahr nach der Erkrankung und ein Sechstel der überlebenden Patientinnen und Patienten kämpft danach dauerhaft mit schwersten Folgeerkrankungen – wie Einschränkungen des Denkvermögens, psychischen Erkrankungen und Einschränkungen bei der Verrichtung alltäglicher Aktivitäten.

Der Welt-Sepsis-Tag findet jährlich am 13. September statt. Weltweit wurden und werden an diesem Tag verschiedene Aktivitäten und Aktionen organisiert, um auf das Thema und die damit verbunde-
nen Probleme in den verschiedenen Bereichen der Sepsis-Prävention, -Diagnostik, -Therapie und -Rehabilitation aufmerksam zu machen.

Sepsis ist ein medizinischer Notfall und muss – wie ein Schlaganfall oder ein Herzinfarkt – umgehend adäquat versorgt werden. Zur Therapie gehören die Behebung der Infektionsursache (Fokussanierung), die Behandlung mit Antibiotika zur Bekämpfung der Erreger, die Kreislaufunterstützung und bei schweren Verläufen die intensivmedizinische Organer­satztherapie (z. B. Beatmung oder Dialyse).
Häufig werden die unspezifischen Symptome einer Sepsis durch Patientinnen und Patienten, Pflegekräfte und Ärztinnen und Ärzte jedoch zu spät oder gar nicht erkannt. Hierdurch werden Patientinnen und Patienten nicht rechtzeitig behandelt und es kommt zu vermeidbaren schweren Verläufen, Todesfällen und schweren Langzeitfolgen.

Zahlreiche Qualitätsinitiativen konnten zeigen, dass durch Messung und Report der Versorgungsqualität, Schulungsmaßnahmen und Änderung klinischer Abläufe die Versorgung verbessert und die Sterblichkeit in Krankenhäusern deutlich gesenkt werden konnten.

Vor diesem Hintergrund hat die Weltgesundheitsorganisation im Jahr 2017 in einer Resolution gefordert, in allen Mitgliedsstaaten nationale Maßnahmen zu initiieren, die zur Vermeidung von Sepsis, zur Verbesserung ihrer Früherkennung und Diagnose und zur besseren Behandlung von Sepsispatientinnen und -patienten führen können.

Auch der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat die Herausforderung erkannt und nach Beauftragung in 2019 das QS-Verfahren „Diagnostik und Therapie der Sepsis“ der „Richtlinie zur datengestützten einrichtungsübergreifenden Qualitätssicherung“ (DeQS RL) angefügt. Die Teilnahme an diesem Qualitätssicherungsverfahren, welches u. a. die Anforderungen der am 25.07.2025 veröffentlichten S3-Leitlinie zur Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge der Sepsis berücksichtigt, ist seit 01.01.2026 für nahezu alle deutschen Akutkrankenhäuser verpflichtend.