Die Zeiten sind ungewiss und zu Prognosen sollte man sich derzeit nicht hinreißen lassen. In mehreren Regionen der Erde gibt es Krieg oder kriegerische Auseinandersetzungen und das deutsche Gesundheitswesen soll sich auf diese Szenarien einstellen. Das erfüllt mich mit tiefer Sorge um die Zukunft, vor allem die Zukunft unserer Jugend. Die Parallelen zu den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts sind offensichtlich. Haben wir alles vergessen und muss die Gesellschaft die Erfahrungen wieder machen?
Die Finanzlage der GKV ist prekär. Die Kassen sind leer. Die Krankenversicherungen fordern ein Sparen bei den Leistungserbringern und vergessen dabei selbstverständlich bei sich selbst den Rotstift anzusetzen. Das Gegenteil ist der Fall, und wie wir im März erfahren durften, sind die Verwaltungskosten aus den verschiedensten Gründen erneut gestiegen. Die Probleme lösen sollen neue Gesetzesvorhaben und die Vorschläge der Finanzkommission. Ganz vorne steht der Wunsch nach einem „Primärversorgungssystem“. Der Gesetzgeber verzichtet mittlerweile bewusst auf das Wort „Primärarztsystem“. Wer dann genau die Verantwortung für die primäre Versorgung der Bevölkerung wahrnehmen soll, das bleibt vage. Hier scheinen die seit längerem diskutierten Substitutionsideen, denen ich immer entgegengetreten bin und denen ich weiterhin entgegentreten werde, ihr Ziel gefunden zu haben. Sollte doch ein „Primärarztsystem“ gemeint sein, so wird es ein schwerer und weiter Weg. Der Bürger muss lernen, dass viele seiner Anliegen fallabschließend beim Hausarzt versorgt werden sollen. Auch die Umsetzung ist nicht trivial, da der EBM und die Richtgrößen für Medikamente, Heil- und Hilfsmittel angepasst werden müssen. Einerseits muss der Mehraufwand in der Hausarztpraxis abgebildet werden und andererseits muss das wirtschaftliche Überleben der gebietsfachärztlichen Kollegen, die sich dann um die komplizierten und damit zeitaufwendigen Patienten kümmern sollen, sichergestellt werden.
Abschließen möchte ich mit einer positiven Perspektive. Im letzten Jahr durften wir mehrfach Studenten im Rahmen von PJ und Famulaturen in der Praxis betreuen. Diese waren ausnahmslos sehr fleißig und wissbegierig, bereits mit sehr guten praktischen und theoretischen Kenntnissen ausgestattet und zeigten ein hohes Maß an Einsatzbereitschaft. Es hat unserer Praxis viel Spaß gemacht, die jungen zukünftigen Kolleginnen und Kollegen ein Stück auf Ihrem Weg zu begleiten. Hier habe ich ein sehr gutes Gefühl, das werden richtig gute Ärzte. Daher der Aufruf, engagieren Sie sich in der Aus- und Weiterbildung, es lohnt sich.
Ihr Torsten Kudela
Mitglied des Vorstands der Ärztekammer Sachsen-Anhalt