Demenz ist längst zu einer Volkskrankheit geworden, doch trotz steigender Prävalenz und intensiver Forschung stellen sich im klinischen Alltag noch immer grundlegende Herausforderungen bei der Versorgung von Menschen mit kognitiven Einschränkungen. Ein Krankenhausaufenthalt ist für Patienten mit der (Neben-)Diagnose Demenz und ihre Angehörigen eine besondere Situation. Herausgerissen aus der vertrauten Umgebung ist es für die Erkrankten kaum möglich, sich in der fremden Umgebung zurechtzufinden und in die bestehenden Strukturen einzufügen. Klinikmitarbeiter werden bei der Behandlung und Versorgung von Demenzbetroffenen mit zahlreichen praktischen wie ethischen Herausforderungen konfrontiert.
Der 10. Ethiktag der Universitätsmedizin Magdeburg widmete sich am 19. Juni 2025 diesem Thema mit praxisnahen interdisziplinären Beiträgen. Organisiert vom Klinischen Ethikkomitee (KEK) unter Vorsitz von Prof. Dr. Bettina Hitzer richtete sich die Veranstaltung an Pflegende, Ärzte, (pflegende) Angehörige und rechtliche Betreuer. In Workshops und Vorträgen wurden theoretische Grundlagen vermittelt, grundlegende Fragen angesichts des Umgangs mit Demenzbetroffenen diskutiert und alltagstaugliche Hilfen erarbeitet. Stände von diversen Beratungsangeboten und Firmenausstellungen boten in den Pausen weiterführende Informationen. Zum Auftakt gaben Tim Küster (B. A.) und Antje Staufenbiel (beide Magdeburg) in einem Workshop Einblick in Strategien zur Delirprävention. Das Delir ist ein akuter, oft vorübergehender Verwirrtheitszustand, der sowohl Patienten mit demenzieller Grunderkrankung als auch kognitiv unauffällige Menschen treffen kann. Ein Delir tritt bei bis zu 30 % stationär behandelten geriatrischen Patienten auf, bei operativen Eingriffen häufiger. Die Symptome reichen von Agitation und Halluzination bis Apathie und Desorientierung. Folgen sind verlängerte Liegedauer, erhöhte Morbidität und Pflegebedürftigkeit. Umso wichtiger seien Früherkennung und Prävention, so die Referierenden. Vorgestellt wurden alltagstaugliche Maßnahmen wie Orientierungshilfen, Tageslichtsteuerung, Mobilisierung, Einbindung der Angehörigen, Vermeidung von Reizarmut sowie der gezielte Einsatz validierter Delir-Screening-Instrumente. Das Konzept des „Delirsensiblen Krankenhauses“, derzeit in Magdeburg im Aufbau, setzt auf Schulungen für Mitarbeitende und gezielte Aufklärung gefährdeter Patientengruppen.
Weitere Workshops während der Veranstaltung thematisierten Sinnesaktivierung und nonverbale Kommunikation. Die Gerontologin Nancy Busse (M. Sc.) (Magdeburg) stellte Interventionen vor, bei denen durch Aromaöle, strukturierte Materialien, Naturklänge etc. das Wohlbefinden und die Sinneswahrnehmungen von Demenzbetroffenen gefördert werden. Diese Maßnahmen lassen sich leicht in Klinik, Heim oder Häuslichkeit umsetzen. Ein besonderer Moment war die Vorstellung des Interaktionsinstruments CRDL®: Das von Holz ummantelte elektronische Gerät reagiert auf Berührungen zwischen Betroffenen und Pflegenden mit Klangmustern und ermöglicht somit Kommunikation ohne Worte – besonders hilfreich bei fortgeschrittener Demenz. Die Vorführung veranschaulichte, wie ungeteilte Präsenz und Resonanz auch ohne Sprache gelingen können.
Am Nachmittag folgte eine hybride Vortragsreihe mit dem Fokus auf ethische und interdisziplinäre Perspektiven. Ein berührender persönlicher Einstieg gelang dem Magdeburger Kabarettisten Lars Johansen mit einem eigens verfassten Text, der der Erlebniswelt seiner an Demenz erkrankten Mutter fiktiv nachspürte. Daran anschließend analysierte die Germanistin Prof. em. Dr. Henriette Herwig (Düsseldorf) anhand ausgewählter Werke, wie Literatur und Film zur Reflexion über autonomiewahrende Pflege, familiäre (Über-)Forderung und gesellschaftliche Mitverantwortung beitragen. Autobiografische und fiktive Erzählungen über Demenz fördern laut Herwig Empathie, können aber auch stereotype Bilder verstärken. Oft zeigen sie die Folgen dessen, dass Pflegeaufgaben nicht in geteilter Verantwortung bewältigt werden.
Ein umstrittenes, in der Praxis jedoch weit verbreitetes Phänomen griff Prof. Dr. Anke Erdmann (Kiel) in einem weiteren Vortrag auf: „therapeutische Lügen“ und Täuschungspraktiken. Beispiele dafür sind Scheinelemente wie Busstationen, das Verstecken von Medikamenten in Lebensmitteln oder simulierte Angehörigenstimmen. Auch digitale Avatare von verstorbenen Angehörigen zur Stimulation von Demenzbetroffenen werden bereits in der Praxis erprobt. Erdmann forderte, solche Maßnahmen ethisch differenziert zu betrachten: Die gute Absicht rechtfertige nicht automatisch Täuschung. Hierbei sei auch in Betracht zu ziehen, welchen Eindruck solche Maßnahmen bei Mitpatienten und Angehörigen hinterlassen würden. Diskutiert wurde zudem, ob Menschen in frühen Demenzstadien der späteren Anwendung solcher Mittel vorsorglich zustimmen können sollten – ähnlich wie bei Placebos in der klinischen Anwendung.

Case-Managerin Urte Schneider (r.) vom DZNE Magdeburg präsentierte „Demenz aktiv begegnen“, die Angehörigengruppe für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz.

Ger Schuivens, Geschäftsführer der CRDLT B. V., zeigte die Funktionsweise des CRDL®-Interaktionsinstruments, das gegenseitige Berührung in Klangmuster übersetzt.
Einen praxisnahen Beitrag lieferte Dr. Matthé Scholten (Bochum) mit der Vorstellung des kürzlich erschienenen Manuals zur „Beurteilung der Einwilligungsfähigkeit von Menschen mit Demenz“ (2024). Er betonte: Einwilligungsfähigkeit ist keine feste Größe, sondern kontextbezogen und fluktuierend. Auch Menschen mit Demenz können – mit Unterstützung – medizinische Entscheidungen treffen. Scholten rief dazu auf, Entscheidungsassistenz als ärztliche Aufgabe ernst zu nehmen. Das Manual enthält hierzu konkrete Handlungsempfehlungen sowie die validierten Beurteilungsinstrumente MacCAT-T und MacCAT-CR in deutscher Übersetzung. Der abschließende Beitrag von Sebastian Kraus (Berlin) führte zurück zur Interaktion im Alltag. Mit dem „begegnungsorientierten Ansatz“ präsentierte er ein Modell, das aus der Praxis von Pflegenden und Betreuenden heraus auf einer gerontopsychiatrischen Station entwickelt wurde. Kommunikation wird hier nicht auf Sprache reduziert, sondern umfasst auch Körpersprache, Berührung und situatives Handeln. Ziel ist es, Eskalationen zu vermeiden, Nähe herzustellen und eine gelingende Interaktion zu ermöglichen. Kraus plädierte dafür, Methoden aus der Heilpädagogik auch im Demenzkontext stärker zu nutzen.
Die Wortmeldungen aus dem Publikum zeigten: Das Thema berührte – fachlich wie persönlich. Viele Teilnehmende schilderten eigene Erfahrungen mit Unsicherheiten, Grenzsituationen und ethischen Dilemmata, aber auch gelingende Momente. Der Ethiktag unterstrich, wie vielschichtig Demenzversorgung ist – und wie wichtig dabei Haltung, Kreativität, Perspektivwechsel und Teamarbeit sind. Zum symbolischen Ausklang brachte Ger Schuivens (Maastricht) das CRDL®-Instrument mit einer gemeinsamen Aktion noch einmal zum Klingen – Hand in Hand mit allen Teilnehmenden. Ein leiser, aber eindrücklicher Schlusspunkt für eine gelungene Veranstaltung. Der nächste Ethiktag findet im Juni 2026 statt und wird das Thema Künstliche Intelligenz in der Medizin aufgreifen.
Korrespondenzadresse:
Dr. med. Anna Siemens |Klinisches Ethikkomitee
c/o Geschichte, Ethik und Theorie der Medizin
Medizinische Fakultät
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Leipziger Str. 44 | 39120 Magdeburg |www.get.ovgu.de
Tel.: 0391/67 24 343 |E-Mail: