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Buchrezension

Staub – Alles über fast nichts

Staub – Alles über fast nichts

Jens Soentgen
dtv-Verlagsgesellschaft, München 2022, ISBN 978-3-423-26344-3, Klappenbroschur 20,5 x 12,5 cm, illustriert mit 21 Zeichnungen von Katja Spitzer, 188 Seiten, 15,00 €
Cover: Verlag

Staub! Er scheint allgegenwärtig zu sein, draußen und drinnen, in der Luft, auf Büchern und der Brille, hinter Glas und in der Stratosphäre, selbst in der Raumstation ISS.

Jens Soentgen, Lehrstuhlinhaber und Leiter des Wissenschaftszentrums Umwelt an der Universität Augsburg, Chemiker, Stoffgeschichtler und Naturphilosoph, hat diese von ihm als Fast-Nichts charakterisierte Substanz zum Gegenstand seiner Forschungen und zum Inhalt des vorgelegten Taschenbuches gemacht. Er nennt den Staub das große Universum der kleinen Partikel, die letztlich doch der ordnenden Schwerkraft gehorchen, uns aber als nomadisierende Lästlinge begegnen. Der Autor strukturiert seine Monografie in die Sachgebiete Das Nichts und das Fast-Nichts: Was ist Staub?; Wollmaus oder Feinstaub: Was ist gefährlicher?; Farbenpracht und Düsternis: Staub und Staubereignisse in der Natur; Mensch und Staub: Eine Hassliebe; Goethe und der Staub. Anschließend lässt er sich noch über Die Zukunft des Staubes aus. In die eloquent formulierten Texte eingestreut sind zu deren Auflockerung einige passende naive Zeichnungen.

Der Mensch hat sein Leben dem Staub angepasst. Er atmet die kleinen Teilchen in beträchtlichen Mengen ein und größtenteils wieder aus bzw. seine inneren Oberflächen expedieren sie wieder an die Luft. Aber von woher kommen diese Makro-, Mikro- und Nanoteilchen überhaupt? Überwiegend ist der Staub ein Kulturfolger, sieht man von seinen natürlichen geologischen Vorkommen ab. Genauer gesagt entsteht er in der Umgebung des Menschen größtenteils aus dem Feuer, das er seit Urzeiten zum Wärmen, zur Nahrungserschließung, zur Beleuchtung, zur Materialbearbeitung und nicht zuletzt zur Erreichung von Mobilität u. v. a. m. einzusetzen weiß. Das Feuer aber hinterlässt Verbrennungsrückstände, produziert Asche und Ruß, Fasern und Fäserchen und den unsichtbaren Feinstaub. Dass Staub u. a. den Regen werden lässt und den herrlich weißen Schneeflocken einen schmutzigen Kern verleiht, ist dem Betrachter nicht immer bewusst. Er macht in feinster Form die dicke Stadtluft und garantiert wunderschöne Sonnenuntergänge. Er reflektiert das Tageslicht auch in Ecken, die sonst kein Sonnenstrahl erreichen würde. Dort, wo er in Massen und zu dicht schwebt, kann er Städte samt ihrer Mobilität in trübe Suppe hüllen, obwohl darüber die Sonne scheint. Wenn er sich mit Feuchtigkeit umgibt, zum Aerosol wird, transportiert er Bakterien und Viren und verbreitet so Krankheiten. Andererseits ist es der Staub, der die sprichwörtliche Bestäubung der Blüten, notfalls auch händisch, und somit die fruchtbringenden Ernten eines nennenswerten Anteils unserer Ernährung garantiert. Und auch die Weitergabe von Kunst und Wissen profitiert von ihm. Ist er doch als pulvriges Material die Grundsubstanz z. B. in Malfarben und Tinten. Staub ist eine Konstante menschlicher Existenz, ihr ambivalenter Weggenosse, in der Luft und unterm Sofa, als Saharastaub oder Wollmaus. Letztere sollte besser Polyestermaus genannt werden, Denn schließlich liefert der Abrieb von Kleidung und anderen Textilien einen erheblichen Anteil unseres Hausstaubes.

Und die oben erwähnte Zukunft des Staubes? Wo gehobelt wird, fallen Späne, sagt der Volksmund. Kann denn jeder Produktionsabfall wiederverwendet werden, wie es Karl Marx verkündete? Der Pullover flust, die Flusen pullovern aber nicht, hält Jens Soentgen ihm entgegen. Auch der ökonomischste und ressourcenschonendste Lebensstil hinterlässt Staub, vielleicht weniger in Europa, dafür aber umso mehr in Fernost, wohin ein beträchtlicher Anteil unseres produktiven Wachstums verlagert wird. Staubarm ist es immer nur dort, wo nichts produziert wird und kein Feuer brennt, also auch kein Wachstum stattfindet

Staubtrocken ist dieses Buch ganz und gar nicht. Der Autor folgt so manchem Pfad in interessante Seitengässchen seines Themas, in die man ihm gern nachgeht. Schon der Gedanke, dass die in den letzten Jahrhunderten verbrannte Kohle ausgegrabenes Holz ist, mag beim Lesen verblüffen. Das liturgische Zitat vom Staub, aus dem der Mensch gekommen sei und der er wieder sein wird, wirkt dagegen etwas beunruhigend, wenn auch logisch. Ein wirklich lesenswertes und erkenntnisträchtiges Buch, das nachdenklich macht, klug, witzig und locker geschrieben, auf wissenschaftlichem Fundament basierend.

F.T.A. Erle, Magdeburg (März 2026)