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Interessenverband der in Sachsen-Anhalt tätigen Unfallchirurgen

Ein Verein für die Qualitätssicherung in der Unfallchirurgie

Ein Verein für die Qualitätssicherung in der Unfallchirurgie
TDSC-Kurs Magdeburg | Foto: PD Dr. Fred Draijer

Im Rahmen der Vorbereitungen zur Gründung des Interessenverbandes der in Sachsen-Anhalt tätigen Unfallchirurgen (IVU) stellte sich die berechtigte Frage, ob ein weiterer Verein bei den bereits bestehenden notwendig ist. Aber bereits damals – noch weit vor Corona und den aktuellen, kritischen wirtschaftlichen Situationen der meisten Krankenhäuser – gab es Spannungen der beiden durch politischen Exkurs zusammengelegten Fachgebiete von Orthopädie und Unfallchirurgie. Diese bestehen nicht nur in den fachlichen Anschauungen der beiden Fachgebiete, sondern vor allem in der Ausrichtung der strukturellen Aufgaben. Die Orthopädie mit vornehmlich planbaren, selektiven Eingriffen benötigt ungestörte Abläufe. Die Unfallchirurgie mit der Notfallversorgung steht dem entgegen.

Dieses Spannungsfeld konnte im Laufe der mittlerweile fast 30 Jahre seit Gründung des IVU insbesondere durch zwei Faktoren kaum gebessert werden. Einmal ergibt sich im DRG-System ein Ungleichgewicht zwischen der Erbringung der Leistungen von Orthopädie und Unfallchirurgie – das ruft die Ökonomen im Krankenhaussystem auf den Plan und sie favorisieren aus wirtschaftlichen Interessen die Operationen mit dem Mehrgewinn. Zum anderen hat sich die personelle und strukturelle Situation an den Krankenhäusern so verschlechtert, dass es zu einer deutlichen Verknappung von OP-Kapazitäten gekommen ist. Der in den Krankenhäusern nicht nur auf diesem Gebiet bestehende Missstand wurde zwar erkannt, es sind aber nur wenig konstruktive Maßnahmen in Sicht.

Der IVU hat es jedoch über all die Jahre als seine Aufgabe angesehen, in diesem Spannungsfeld zu vermitteln, Netzwerke vor allem in Sachsen-Anhalt aufzubauen und für die unfallchirurgische Versorgung zu nutzen. So konnten z. B. bei der Versorgung ukrainischer Kriegsverletzter die Strukturen der Trauma-Netzwerke genutzt werden – dass keine neuen Strukturen für die Verteilung der in Deutschland eintreffenden Verletzten geschaffen werden mussten, erleichterte die Arbeit sehr.

Darüber hinaus hat der IVU in seiner Frühjahrstagung den Beschluss gefasst, bestimmte, sehr aufwendige Fortbildungsmaßnahmen in eigener Trägerschaft für die tätigen Orthopäden und Unfallchirurgen zu organisieren, da die geopolitische Lage Anschlagsrisiken wachsen lässt und die Versorgungsregeln von Großschadensereignissen gut gelernt und trainiert werden müssen. Es gibt für die unfallchirurgische Ausbildung zwei Kursformate, einmal den ATLS (Advanced Trauma Life Support) und den für die Vorgehensweisen bei Terror- und Katastrophenlagen, den TDSC (Terror und Desaster Surgical Care)-Kurs.

Dieser ist in der organisatorischen, personellen und räumlichen Vorbereitung sehr aufwendig. Die zur Verfügung stehenden Kursplätze sind in ganz Deutschland sehr rar. In der Folge des Beschlusses von 2022 erklärte sich PD Dr. Fred Draijer, ehemaliger Chefarzt des Klinikum Magdeburg GmbH bereit, zusammen mit Prof. Felix Walcher, Direktor der Klinik für Unfallchirurgie der Universität Magdeburg, einen solchen Kurs vorzubereiten. Da die finanziellen Aufwendungen erheblich sind, mussten diese gesichert werden, bevor die Vorbereitungen begannen. An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass die Geschäftsführungen aller Teilnehmer aus Sachsen-Anhalt die Kosten ohne Probleme übernahmen. Bei um die 1.000 Euro plus 2 – 3 Hotelübernachtungen pro Teilnehmer keine Selbstverständlichkeit.

Nach einer sehr aufwendigen über einjährigen Vorbereitung konnte dann vom 13. – 15. Oktober 2023 die Veranstaltung unter der Leitung von Prof. Franke, Oberstarzt aus dem Bundeswehrkrankenhaus in Koblenz, und Herrn Prof. Friemert aus dem Bundeswehrkrankenhaus Ulm in den Räumlichkeiten des Institutes für Medizintechnik im Stimulate Forschungscampus der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg stattfinden.

21 Teilnehmer erhielten eine umfassende Fortbildung zu den medizinischen Herausforderungen bei Terror- und Katastrophenlagen. So wurden die Regeln von MANV (Massenanfall von Verletzten – Großschadenslage), die Unterschiede zwischen Terror-MANV und einem MANV durch sonstige Unfälle herausgearbeitet und trainiert. Einen großen Zeitabschnitt nahm eine Simulationsübung in Form eines Planspieles ein. Diese TDSC-Planung hat die bestmögliche Mobilisation und Verteilung der chi­rurgischen Ressourcen in einem Terror-MANV-Szenario zum Ziel. Dabei wurde ebenfalls thematisiert, dass die meisten Krankenhaus-Alarm-und-Einsatzplanungen (KAEP) die besonderen fachlichen und organisatorischen Regeln eines Terror-MANV nicht berücksichtigen. Der intensive Kurs führte im Planspiel zu bewusst konturierten, hektischen Abläufen mit Schweißperlen auf den Stirnen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Nun gilt es, die gewonnenen Erkenntnisse zeitnah in die KAEPs einzuarbeiten.

Neben der Bewältigung solcher Schadensereignisse ist die Versorgung gesetzlich versicherter Unfälle (Erstversorgung, Heilverfahrens- und Rehaplanung nach Arbeitsunfällen) ein besonderer Schwerpunkt der Unfallchirurgie. Die dafür zugelassenen Durchgangsärzte müssen neben ihrer fachlichen Qualifikation in einem 5-Jahreszeitraum bestimmte für die Tätigkeit notwendige Weiterbildungen durchführen und gegenüber der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGUV) nachweisen. Diese Kurse sind sehr anspruchsvoll und müssen in ihrem Format und den Inhalten von der DGUV genehmigt werden. Um auch das übersichtliche Kursangebot entsprechend zu erweitern, organisierten Dr. Holger Siekmann, Chefarzt Unfallchirurgie Ameos Klinik Halberstadt, und Prof. Dr. Thomas Mendel, Leitender Oberarzt der BG-Klinik Halle, einen qualitativ sehr hochwertigen Kurs mit namhaften Referenten zu dem Thema „Kindertraumatologie“. An dem am 11. November 2023 im Klinikum Halberstadt stattfindenden Kurs nahmen 80 Kolleginnen und Kollegen teil. Die Themen handelten von den kindlichen Besonderheiten bei der Frakturversorgung der oberen und unteren Extremität, sowie bei Verletzungen des Kniegelenkes und des Körperstammes. Es zeigte sich mal wieder ganz deutlich, dass Kinder eben keine kleinen Erwachsenen sind und man die Regeln des wachsenden Organismus genau kennen muss, wenn ein gutes Ergebnis erreicht werden soll. Allein der voll belegte Kurs zeigt das große Interesse und den großen Bedarf an solchen Fortbildungsveranstaltungen. Für den Herbst 2024 ist die Durchführung eines Gutachtenseminares für die Erstellung von Gutachten der gesetzlichen Unfallversicherung bereits geplant und befindet sich in Vorbereitung. Der Kurs wird in Dessau unter Leitung von CA PD Dr. Rotter stattfinden.

Die Rolle des IVU hat sich durch diese beiden Kurse zur Verbesserung der Unfallchirurgischen Versorgung noch mal deutlich geändert und der Verein an Gewicht gewonnen. Nach fast 30 Jahren ist naturgemäß langsam der Generationenwechsel angelaufen. Von den Gründungsmitgliedern sind jedoch noch einige in Verbänden der Mitgliederentwicklung. Aktuell hat der Verein 38 Mitglieder (6 ausgeschieden). Es besteht die berechtigte Hoffnung, dass die neu gewonnenen Formate weiter fortgesetzt werden und der Verein bei der Wahrung der unfallchirurgischen Interessen vor allem auch politisch ein Mitspracherecht gewinnt.

Dr. med. Wolfram Seelbinder
Mitglied des Vorstands des Interessenverbandes
Unfallchirurgen Sachsen-Anhalt

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