Skip to main content

8. Ethiktag der Universitätsmedizin Magdeburg

Patientengerechte Medizin? Vom Umgang mit Verletzlichkeit und Stigma im Gesundheitswesen

Patientengerechte Medizin? Vom Umgang mit Verletzlichkeit und Stigma im Gesundheitswesen

Die scheidende und die neu berufene Vorsitzende des Klinischen Ethikkomitees: Prof. Dr. Eva Brinkschulte (l.) und Prof. Dr. Bettina Hitzer

Häufig berichten Menschen, dass sie wegen ihres Äußeren, einer Behinderung, Beeinträchtigung oder chronischen Erkrankung diskriminiert wurden.

Ein Fünftel davon geben an, dass sie diese Erfahrung im Gesundheitswesen gemacht haben. Welche Versorgungssituationen sind es, die besonders prädestiniert scheinen für Stigmatisierung und Diskriminierung von Hilfsbedürftigen? Sollen wir deshalb alle Menschen gleich behandeln? Nicht unbedingt: Eine Nichtbeachtung des persönlichen Hintergrundes von Patientinnen und Patienten sowie damit einhergehender individueller Gefährdungen kann den Verlauf einer Behandlung negativ beeinflussen.

Das Klinische Ethikkomitee (KEK) lud beim 8. Ethiktag der Universitätsmedizin Magdeburg am 7. November 2023 alle Interessierten dazu ein, die genannten Aspekte aus medizinethischer Sicht in den Blick zu nehmen. Eröffnet wurde die Veranstaltung mit einem Workshop, bei dem die Teilnehmenden reflektierten, wie sich die eigene persönliche (unterbewusste) Einstellung im klinischen Alltag äußern kann. Die Auseinandersetzung erfolgte am Beispiel des Umgangs mit Patientinnen und Patienten, die eine psychi­atrische (Neben-)Diagnose haben. Unter Anleitung von Alexandra Becker und Diana Lang wagten die Teilnehmenden einen Perspektivwechsel mit der pädagogischen Methode des szenischen Spiels.

Im anschließenden ersten Vortrag des Ethiktages wurde der Umgang mit psychiatrischen Patientinnen und Patienten weiter fokussiert und die im Workshop gesammelten leiblichen Erfahrungen durch Erkenntnisse aus internationalen Studien erweitert. PD Dr. Sven Speerforck (Universitätsklinikum Leipzig) erläuterte zu Beginn seines Vortrages, wie sich die öffentliche Einstellung zu Menschen mit psychischen Auffälligkeiten in den letzten drei Jahrzehnten komplex verändert habe. So werden Stress- und Trauerreaktionen heute zunehmend als Symptome psychiatrischer Erkrankungen gedeutet und Depressionen als gewöhnliche Diagnose akzeptiert. Menschen mit Schizophrenie und Substanzmissbrauch werden hingegen immer weniger gesellschaftlich toleriert und bei der Mittelvergabe im Gesundheitssystem nicht priorisiert. In der Fachliteratur wird hierbei zwischen strukturellem, interpersonellem und Selbststigma als Ursache unterschieden. Speerforck verdeutlichte anhand eines Fallbeispiels, dass gegenüber Suchterkrankten insbesondere im Setting einer Notaufnahme diskriminierende Äußerungen häufiger als in der Allgemeinbevölkerung vorkommen. Die Medizin zeigt sich hier als disziplinierende Institution. Infolgedessen nehmen suchterkrankte Menschen selten und meist verspätet medizinische Hilfe in Anspruch. Liegt eine mögliche Ursache für die ablehnende Haltung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darin, dass Krisenmomente dieser besonderen Patientengruppe in dem o. g. Kontext überrepräsentiert sind und es zu einer verzerrten Wahrnehmung von Behandlungschancen kommt? Diesem ließe sich allgemein mit der Schaffung eines transparenten und reflexiven Therapiemilieus entgegenwirken. Hierzu gehören ein bewusster Sprachgebrauch und die Integration von Peers in Curricula. Viele Zuhörer konnten das Gesagte mit Erfahrungen aus dem eigenen Klinikalltag bestätigen. Es bestand Einigkeit darüber, dass man bereits vorhandene Schulungs- und Unterstützungsangebote stärker bewerben sollte.

Den zweiten Teil der Veranstaltung bildete der Vortrag von Christine Mainka, M.A., wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Medizinethik am In-stitut für Experimentelle Medizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. Sie präsentierte das von der Deutschen Krebshilfe geförderte KUSS-Projekt. Im Rahmen dessen soll ein kultur- und diversitätssensibles Screening-Instrument zur Erfassung von sozialen Vulnerabilitäten und Einflussfaktoren auf die gemeinsame Therapiezielfindung in der Onkologie entwickelt werden. Mainka legte zu Beginn dar, wie sich der Begriff der Vulnerabilität gewandelt habe. So wurde das ausgehend vom forschungsethischen Diskurs geprägte Verständnis von vulnerablen Gruppen als eingeschränkt autonomiefähige Personengruppen im aktuellen Vulnerabilitätsdiskurs erweitert. Verstehe man Vulnerabilität wortwörtlich, so enthalte der Begriff sowohl die erhöhte Wahrscheinlichkeit einer Person bzw. Gruppe, innerhalb eines bestimmten Kontextes Schaden oder Nachteile zu erleiden, als auch das Potential, diesen Schaden durch geeignete Maßnahmen abzuwenden. Die systematische Suche nach spezifischen Vulnerabilitäten bei Patientinnen und Patienten sei demnach ein erster Schritt zur Prävention. Im Laufe des Projektes wird sich zeigen, ob es gelingt, das Screening-Instrument in die onkologische Praxis zu implementieren.

Darüber hinaus bot der Ethiktag Anlass, um einen Blick auf das fünfjährige Bestehen des Klinischen Ethikkomitees an der Universitätsmedizin Magdeburg zu werfen und die berufenen Mitglieder für ihr Engagement zu würdigen. Prof. Dr. phil. Eva Brinkschulte, Leiterin des Fachbereichs Geschichte, Ethik und Theorie der Medizin (GET), hatte das Klinische Ethikkomitee ins Leben gerufen. Ihre Nachfolge als Bereichsleiterin und Vorsitzende des Klinischen Ethikkomitees übernahm im Oktober 2023 Prof. Dr. phil. Bettina Hitzer. Seit Aufnahme der Arbeit des Ethikkomitees konnten zahlreiche Aktivitäten durchgeführt, Projekte angestoßen und Kooperationen initiiert werden. Insbesondere zu nennen sind hier die hausinterne Ausbildung von etwa 30 Moderatorinnen und Moderatoren für die Durchführung ethischer Einzelfallberatungen und die Gründung von themenspezifischen Arbeitsgruppen. Weiter wurden eine Gesprächsreihe zur palliativen Versorgung und Sterbebegleitung etabliert sowie ein Trauerort für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf dem Gelände der UMMD geschaffen. Mit der Gründung des Magdeburger Netzwerkes Klinische Ethik wurde zudem die stadtweite Implementierung eines Beratungskonzeptes zur gesundheitlichen Vorausplanung in Aussicht genommen.

Korrespondenzadresse:
Prof. Dr. phil. Bettina Hitzer
Geschäftsführung: Anna Siemens
Klinisches Ethikkomitee (KEK)
c/o Geschichte, Ethik und Theorie der Medizin
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Medizinische Fakultät
Leipziger Str. 44, 39120 Magdeburg
Tel.: 0391/6724340
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
Internet: www.get.ovgu.de

Fotos: UMMD/privat