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Buchrezension

Der Fürst und seine Erben – Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute

Der Fürst und seine Erben – Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute

Peter Sloterdijk
Edition Suhrkamp, Sonderdruck Berlin 2026, ISBN 978-3-518-00136-3, Klappenbroschur 20,5 x 12,5 x 1,5 cm, 189 Seiten, 22,00 €
Cover: Verlag

Warum heute noch vom Fürsten reden? Die Frage stellt sich der Philosoph und Autor Peter Sloterdijk am Anfang seines soeben erschienenen Buches. Die Fürsten seien wieder da, manche schon an der Macht, andere auf dem Sprung. Vladimir Putin und Donald Trump nennt er sowie Xi Jinping (习近平) u. a. Das Porträt auf dem Cover zeigt eine bedeutungsvoll dreinschauende, bekannte Persönlichkeit im Habitus des Renaissancefürsten. Es taugt gut als Blickfang für ein Buch, an dem der Leser dann, zwar mit einiger Mühe, seinen Gefallen findet. Es lohnt sich hineinzuschauen.

Prof. em. Peter Sloterdijk kann nach seiner akademischen und anhand der philosophischen Karriere auf einen beneidenswert breiten Fundus an grundlegender Literatur- und Sprachkenntnis zurückgreifen. Eine dieser sprudelnden, humanistisch gegründeten Quellen ist das Werk des Florentiner Politikers und Schriftstellers Niccolò Macchiavelli aus dem 16. Jahrhundert. Es wird gemeinhin kurz als „Il Principe“ (der Fürst) bezeichnet und wurde posthum von Zeitgenossen publiziert. Es wird auch in unseren Tagen noch gern zur Deutung von Politik angeführt, insbesondere wenn derzeitige Herrscher in Europa Unheil ahnen lassen. Man sollte genau so böse sein wie alle anderen, empfiehlt Machiavelli, der Vielzitierte. Man sollte seine Neigung, ein guter Mensch zu sein, einschränken rät der Renaissancepolitiker dem zur Macht Strebenden, der sich nicht zu den Guten rechnen sollte. Schlecht zu sein, müsse aber geübt werden. Der Erfolg frage nicht danach, wie man ihn erlangt habe. Das Einfühlsame müsse der Kälte Platz machen.

2027 ist das 500. Todesjahr Machiavellis. Sind seine Empfehlungen also von übervorgestern? Mitnichten! Der heutige Philosoph Sloterdijk lässt erkennen, dass die Vertreibung aus dem Paradies kein Alleinstellungsmerkmal der Geschichte, sondern auch ein Zug unserer Zeit ist. Auf Schritt und Tritt bzw. Seite für Seite stellt man Parallelen in die Moderne fest. Müssen wir meinen was wir sagen?

Die Aufzählung der Herrschertypen, der sog. Großen Männer, die der Philosoph anführt, haben in der Geschichte unterschiedliche Bezeichnungen: Pharaonen, Fürsten, Großkönige, Cäsaren, Kaiser, Zaren, Maharadschas, Präsidenten, Premierminister, Kanzler, Führer, Generalsekretäre, Caudillos, Comandantes, Generalissimi etc., zu denen man ruhig auch den kleinen großen Mann im Kreml und den vom Autor als Beinahe-Analphabet apostrophierten derzeitigen Bewohner des Weißen Hauses zählen darf. Letzterer neide dem Kollegen im Elyseepalast in Paris den Festsaal und ließe deshalb in Washington großräumig an- und umbauen. Ihn und seine herrschaftlichen Verwandten würden Halbtalente, Scharlatane und Milliardäre begleiten, die Billionäre werden wollen. Man werde groß, indem man es behauptet zu sein.

Sloterdijk schöpft aus dem Vollen. Man kann ihm deshalb manchmal nur bedingt folgen. Neben z. T. schwer verständlichen Passagen bietet er ganze Kapitel zu im lockeren Zusammenhang mit dem Buchtitel befindlichen Sachgebieten. Dem magischen Denken gibt er seinen Raum, so z. B. der Furcht des Menschen vor den dunklen Mächten der pyrotechnischen Gewalt. Raketenwaffen nennt er den wunschgelenkten und wahrgemachten Schadenszauber in die Ferne. Zur fortgeschrittenen Telemalignität zählt er die Marschflugkörper, die auch noch Eigennamen wie Taurus, Tomahawk und Satan 2 hätten. Die Welt sei zu einem Festival der Erreichbarkeit geworden.

Das Buch strotz vor konzentriertem Inhalt. Die Sprache des Autors ist für den philosophischen Laien, an den es wohl gerichtet ist, eine Herausforderung. Wenn man es am Schluss zuschlägt, regt sich das Bedürfnis, es noch einmal zu lesen. Es eröffnet ein weites Feld zum Nachdenken, vom Rubikon Caesars bis zu den Deals des Mad Man jenseits des Atlantik und in das apokalyptische Pokerspiel an der Moskwa.
„Der Olymp verlangt nach mir!“ Dieses Zitat aus Vergils Aeneis, dem eigentlichen Text vorangestellt, erinnert an das Coverporträt. Der dort ausgestreckt zu sehende rechte Zeigefinger könnte als Zeichen der Erwartung des Funkenübersprungs im Fresco Michelangelos an der Decke der Sixtinischen Kapelle mit der symbolischen Darstellung der Erschaffung des Adam gedeutet werden.

F.T.A. Erle, Magdeburg (Mai 2026)