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Suizidprävention und verantwortbarer Umgang mit Anfragen nach Suizidassistenz in Sachsen-Anhalt

1. Netzwerktreffen an der Universitätsmedizin Halle stößt auf große Resonanz

1. Netzwerktreffen an der Universitätsmedizin Halle stößt auf große Resonanz
Die Referentinnen und Referenten in der Diskussion mit dem Auditorium | Foto: Theresa Schneider

Etwa 100 Teilnehmende diskutierten am 10. Juni 2026 im Rahmen des 1. Offenen Vernetzungstreffens zu Themen der Suizidprävention und des verantwortbaren Umgangs mit Anfragen nach assistierter Selbsttötung in Sachsen-Anhalt. Initiiert wurde die Veranstaltung von NEVAS, dem Netzwerk Suizidprävention und verantwortbarer Umgang mit Anfragen nach Suizidassistenz in Sachsen-Anhalt.

Anfragen nach Suizidassistenz nehmen in den letzten Jahren auch in Sachsen-Anhalt zu. Ausgangspunkt für diese Entwicklung ist das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2020, nach dem die Suizidassistenz in Deutschland dann rechtmäßig ist, wenn die Person, die ihr Leben selbst beenden möchte, freiverantwortlich handelt. Freiverantwortlichkeit erfordert nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, dass die Person, die sich selbst töten möchte, 1. über Urteils- und Einsichtsfähigkeit sowie 2. über die Kenntnis aller entscheidungserheblichen Gesichtspunkte, wie beispielsweise Handlungsalternativen zur Suizidassistenz, verfügt. Weiterhin ist 3. Freiheit von unzulässiger Einflussnahme oder Druck sowie 4. innere Festigkeit und Dauerhaftigkeit des Wunsches, sich selbst zu töten erforderlich, damit eine freiverantwortliche Entscheidung festgestellt werden kann.

Es gibt bislang keine gesetzliche Regelung zur Suizidassistenz Die Praxis entwickelt sich derzeit recht heterogen, was den Umgang mit Anfragen nach Suizidassistenz angeht. Eine Vielzahl von Anbietern der Suizidassistenz, große Unsicherheiten bei Mitarbeitenden im Gesundheitswesen sowie kontroverse Diskussionen angesichts der grundlegenden Güter von Leben und dem Recht auf Selbstbestimmung, sind nur einige Merkmale der aktuellen Entwicklungen.

NEVAS als Beitrag zur Verbindung von Suizidprävention und Respekt vor freiverantwortlichen Todeswünschen in Sachsen-Anhalt

Ausgangspunkt für das von der Universitätsmedizin Halle unterstützte und Anfang 2026 gegründete Netzwerk ist die Erfahrung von Vertreterinnen und Vertretern unterschiedlicher Berufsgruppen im Gesundheitswesen und angrenzenden Bereichen, dass sie zunehmend auf das Thema Suizidassistenz angesprochen werden. Häufig handelt es sich dabei um Hilferufe, in denen somatische oder psychische Notlagen bestehen und die durch entsprechende Unterstützungsangebote adressiert werden können. In manchen Fällen bleibt der Todeswunsch aber auch nach einer Beratung über Handlungsalternativen bestehen. Das multiprofessionelle Netzwerk NEVAS bündelt Kompetenzen von Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Berufsgruppen, einschließlich Expertise in der Suizidprävention, mit dem Ziel, eine verantwortbare Praxis im Umgang mit Anfragen nach Suizidassistenz in Sachsen-Anhalt zu unterstützen.

Auf der Grundlage von zahlreichen Vorgesprächen mit Vertreterinnen und Vertretern unterschiedlicher Berufsgruppen im Gesundheitswesen sowie einem Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern der Landesärztekammer und dem Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung wurden folgende Ziele definiert: 1. Angebote zur Beratung von Professionellen im Gesundheitswesen und angrenzenden Bereichen bei Anfragen zum Thema Suizidassistenz, 2. die Vernetzung und Beratung beim Aufbau von regionalen Strukturen für den verantwortbaren Umgang mit Anfragen nach Suizidassistenz sowie 3. Fortbildungsangebote.

Umgang mit Anfragen nach Suizidassistenz als multiprofessionelle Aufgabe. Impulse aus sechs Praxisperspektiven
Den Auftakt der Veranstaltung bildeten kurze Impulse mit unterschiedlichen Perspektiven aus der Praxis. Den Beginn machte der Psychiater Tobias Wustmann (Halle/Saale), der im Hinblick auf Suizidprävention und psychiatrische Aspekte Todeswünsche im Kontext von Demenzerkrankungen beleuchtete. Dass Todeswünsche auch und vor allem in der hausärztlichen Betreuung von Erkrankten Gehör finden sollen, betonte Ilja Karl (Arendsee). Einen Fokus bildeten die kommunikativen Anforderungen in der von der Fachgesellschaft DEGAM formulierten Handlungsempfehlung zum Thema. Aus palliativmedizinischer Perspektive verdeutlichte Elisabeth Wölbling (Bad Lauchstädt) anhand von Fallschilderungen unterschiedliche Bedarfe von Patientinnen und Patienten, deren Angehörigen und Behandlern im Umgang mit Sterbewünschen. Gabriele Schaller (Weißenfels) näherte sich dem Thema aus ihrem seelsorgerlichen Kontext und reflektierte Erfahrungen und Herausforderungen bei der Begleitung von Menschen mit Anfragen nach Suizidassistenz. Inwiefern klinische Ethikberatung zum verantwortbaren Umgang mit Sterbewünschen an einer Klinik beitragen kann, präsentierte Anna Siemens auf der Grundlage ihrer Tätigkeit als Geschäftsführerin des Klinischen Ethikkomitees am Universitätsklinikum Magdeburg. Den Abschluss der Impulse machte Helena Armbrecht, Gerontologin sowie Referentin für den Bereich stationäre Altenhilfe bei der Diakonie Bayern. Sie berichtete unter anderem von ersten Erfahrungen mit einem Chatbot, der Pflegenden jederzeit Wissen vermitteln und sie zudem sprechfähig zum Thema machen soll.
Denk- und Themenräume, Aufbau von Strukturen für eine ergebnisoffene Beratung und Fortbildungsangebote

Im Anschluss an die Diskussion der Impulsbeiträge und informeller Vernetzung in der Kaffeepause bestand die Möglichkeit zum offenen Austausch in drei „Denk- und Themenräumen“. Inhaltliche Foci bildeten die möglichen Beiträge der Seelsorge sowie psycho-soziale Unterstützungsangebote, die Rolle von An- und Zugehörigen im Kontext von Anfragen nach Suizidassistenz sowie Angebote zur Information und Beratung.

Prof. Jan Schildmann, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der MLU, moderierte die abschließende Diskussion. Hier standen mögliche Perspektiven für die weitere Arbeit am Thema im Vordergrund. Neben teils bereits terminierten, teils noch in der Planung befindlichen Fortbildungsangeboten ab Oktober 2026 sollen insbesondere Möglichkeiten der Verstetigung hinsichtlich des Austausches und der ergebnisoffenen Beratung unter den Akteurinnen und Akteuren geprüft werden. Die Möglichkeit eines, bei allen inhaltlichen Unterschieden, sachlichen und wertschätzenden Austausches zu den bestehenden Herausforderungen im Umgang mit Anfragen nach Suizidassistenz wurde von vielen Beteiligten auch im Nachgang zur Veranstaltung positiv hervorgehoben.

Koordination und Kontakt:

Prof. Dr. Jan Schildmann
Institut für Geschichte und Ethik der Medizin
Medizinische Fakultät der Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
Tel.: 0345/557-3550

Weitere Informationen zu NEVAS:

Bericht- und Lernsystem zu Anfragen nach Suizidassistenz:

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