Zum Hauptinhalt springen

Parlamentarischer Abend „Grillen bei Doctor Eisenbarth“

Ein Sommerabend voller Botschaften

Ein Sommerabend voller Botschaften

Sitzung der Ärztekammer mit zahlreichen Teilnehmern an Tischen, Vortragendem am Podium und Präsentation im Konferenzraum.

Netzwerken bei sommerlichen Temperaturen: Rund 100 Gäste waren der Einladung zum Parlamentarischen Abend gefolgt.

Fotos: Peter Gercke

Früher deuteten die Menschen eine Sonnenfinsternis als unheilvolles Zeichen, als Omen auch. Angst trieb die Unwissenden um. Im alten China etwa wähnte man einen Drachen am Himmel, der die Sonne verschluckt. Lärm – sehr viel Lärm – sollte ihn vertreiben. Heute ist eine Sonnenfinsternis vor allem ein Naturspektakel, das man mit Freunden, Familie, Kollegen genießt. Oder sie ist zufällig einer jener Höhepunkte während eines Parlamentarischen Abends. So geschehen am 12. August 2026, als die Ärztekammer Sachsen-Anhalt (ÄKSA) und die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt (KVSA) zum gemeinsamen „Grillen bei Doctor Eisenbarth“ traditionell auf die Wiese hinter dem Haus der Heilberufe in Magdeburg einluden.

Da die partielle SoFi erst gegen 19.16 Uhr einsetzen sollte, blieb Gastgebern wie Gästen genügend Zeit, den wichtigen Reden zu folgen. Sie waren in diesem Jahr mit Spannung erwartet worden, schließlich steht dem Bundesland am 6. September eine Wahl bevor, die zumindest einige Unwägbarkeiten mit sich bringen kann.

Zum Auftakt begrüßte der KVSA-Vorstandsvorsitzende Dr. Jörg Böhme bei sommerlichen Temperaturen die anwesenden rund 100 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Organisationen bzw. Institutionen des Gesundheitswesens. Unter den Zuhörerinnen und Zuhörern waren gleich drei Ministerinnen zu entdecken: Franziska Weidinger (Justiz, CDU), Petra Grimm-Benne (Gesundheit, SPD) sowie Dr. Lydia
Hüskens (Digitales, FDP), die an diesem Abend als Spitzenkandidatin ihrer Partei auch noch zur MDR-Wahlarena erwartet wurde. In die Riege der hochrangigen Polit-Promis reihte sich neben Landtagspräsident Gunnar Schellenberger (CDU) auch Magdeburgs Oberbürgermeisterin Simone Borris (parteilos).

Doch zurück zur Rede von Dr. Böhme, der zunächst eine positive Bilanz im Rückblick auf die vergangene Legislaturperiode zog: Die Landarztquote, die landesweite Herzwoche sowie die Telemedizinische Einheit Augenheilkunde Salzwedel (TEAS) nannte er stellvertretend für Initiativen, die im Land erste Früchte tragen.

Beim „Grillen bei Doctor Eisenbarth“ kommen Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Institutionen des Gesundheitswesen ins Gespräch.
CDU-Politiker Tobias Krull, MdL, schaut sich die partielle SoFi an.
Ins Gespräch vertieft: ÄKSA-Vorstand Prof. Gunther Gosch mit Dr. Lydia Hüskens und Dr. Jörg Böhme
Ministerpräsident Sven Schulze hatte ein Video-Grußwort geschickt. Er selbst stand an diesem Abend in der MDR-Wahlarena.

Gleichzeitig warnte der KV-Chef den vor gravierenden Folgen der bundespolitischen Reformen. Vor allem das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz bedrohe die Versorgung in Sachsen-Anhalt: „Durch das Gesetz wird dem ambulanten Bereich eine gewaltige Summe entzogen. Allein für Sachsen-Anhalt werden es rund 60 Millionen Euro pro Jahr sein“, kritisierte Dr. Böhme, der mögliche Folgen skizzierte. „Die Praxen müssen schauen, wie sie wirtschaftlich bleiben. Passen sie ihre Leistungen den Einsparungen an, könnten in Sachsen-Anhalt jährlich rund 600.000 Arzt- und Psychotherapeutentermine wegfallen.“ Zudem seien die pauschale Kürzung der Psychotherapie-Honorare nicht hinnehmbar, die geplante Notfallreform realitätsfern und weder personell noch finanziell umsetzbar. Man sei daher bereit zu Gesprächen.

Abschließend wies Dr. Böhme auf eines hin: „Unser Gesundheitssystem funktioniert nur, weil Menschen jeden Tag Verantwortung übernehmen – viele von ihnen mit internationalen Wurzeln.“ Mit der Unterstützung für die Kampagne „Wer kümmert sich um dich? Menschen. Nicht Herkunft.“ – eine Initiative von Menschen aus dem Gesundheitswesen und dem Studio Neue Museen in Halle – wolle man ein Zeichen für Respekt, Vielfalt und Zusammenhalt im Gesundheitswesen setzen. Zugleich lud er zur Wanderausstellung „Systemerkrankung. Arzt und Patient im Nationalsozialismus“ (siehe Artikel S. 29) ein und rief als Institution mit Bekenntnis zu einer Demokratie der Mitte zur Wahlbeteiligung am 6. September auf.

Dr. Gunnar Schellenberger drückte in seiner folgenden kurzen Ansprache den vielen engagierten Menschen im Gesundheitsbereich seine Wertschätzung aus: „Danke an alle, die tagtäglich ihren Job machen.“ Sich abzeichnende Veränderungen, „werden wir meistern“ und „das Land gemeinsam weiterentwickeln.“

Es war dieser Gedanke von Gemeinsamkeit, von Zusammenrücken, der den Nachmittag und späteren Abend weiter belebte. Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) hatte aus dem Garten der Staatskanzlei ein Video-Grußwort geschickt. Auch er fand Worte des Dankes und skizzierte Sachsen-Anhalt als ein Land, in dem das Durchschnittsalter der Bevölkerung bei 48,3 Jahren liegt, in dem rund 600.000 Menschen über 65 Jahre alt sind und in dem sich gerade diese ältere Bevölkerung Sorgen um eine flächendeckende Versorgung macht. Umgekehrt stünde die Ärzteschaft vor Herausforderungen wie dem Fachkräftemangel, Bürokratie und unsicheren Rahmenbedingungen. Schulze lud das Auditorium und explizit die Ärzteschaft dazu ein, „die Themen gemeinsam anzugehen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen“.

Ganz persönlich wurde es schließlich, als die Gesundheitsministerin zum Mikrofon griff. Petra Grimm-Benne berichtete von ihrer engen und fruchtbaren Zusammenarbeit mit der KVSA und der Ärzteschaft insgesamt, bei der man nach Wegen suche, die Versorgung für alle gleichermaßen zufriedenstellend sicherzustellen. Manches gelingt aber eben nur bedingt, wie Havelberg zeige. Erst gestern (11. August 2026) sei sie dort gewesen und habe mit Vertretern der Initiative „Pro Krankenhaus“ gesprochen. „Wie geht es weiter?“, sei sie gefragt worden. Nun habe man, so berichtete die Politikerin, zwar kein MVZ oder Krankenhaus im Gepäck gehabt, doch arbeite man an der Versorgung. Ab September könne man weitere fachärztliche Sprechstunden anbieten. Man habe hier eine „gute Kommunikation hinbekommen“, bei der sektorenübergreifende Zusammenarbeit gelebt wird. Zwei Chefärzte des Salus-Krankenhauses Seehausen werden ambulante Sprechstunden in Havelberg abhalten. Dafür wurden 95.000 Euro aus dem Corona-Sondervermögen locker gemacht.

Gleich drei Ministerinnen waren vor Ort (vorn v. l.): Franziska Weidinger (Justiz), Petra Grimm-Benne (Gesundheit) und Dr. Lydia Hüskens (Digitales). Hinter ihnen (v. l.) Dr. Jörg Böhme (KVSA-Chef), Prof. Uwe Ebmeyer (ÄKSA-Präsident) und Dr. Gunnar Schellenberger (Landtagspräsident).
Prof. Jens Strackeljan (l.), Rektor der Uni Magdeburg, diskutiert mit ÄKSA-Präsident Prof. Uwe Ebmeyer.

Gute Nachrichten also, die im derzeitigen Wahlkampfgetöse gern unterzugehen drohen. Vor allem bei jenen, die Sachsen-Anhalt dem Untergang oder zumindest der Bedeutungslosigkeit nah sehen (wollen). Doch auch jenen hält die scheidende Gesundheitsministerin eine Botschaft entgegen: „Der Bund hat in vielerlei Hinsicht von uns gelernt. Wir in Sachsen-Anhalt werden gehört. Und ich bin stolz auf dieses Land. Und es ist viel zu schade, aufzugeben.“ Donnernder Applaus.

Den Abschluss des Rede-Reigens bildete Ärztekammer-Präsident Prof. Dr. Uwe Ebmeyer. Er nutzte die Gelegenheit für eine charmante Rehabilitation des Namensgebers Johann Andreas Eisenbarth. Dieser sei keineswegs der Quacksalber des bekannten Studentenliedes gewesen, vielmehr ein medizinischer Pionier und Meister seines Fachs, der über 24 Jahre lang in Magdeburg seine Wahlheimat fand. Eisenbarth sei pragmatischer Einzelkämpfer gewesen. Das mit dem Pragmatismus gelte für die Zunft bis heute, doch habe sich einiges geändert, so Prof. Ebmeyer: „Gemeinsam sind wir stark. Nur wenn wir als starke, geeinte Körperschaften auftreten, können wir die Interessen der Heilberufe und die Versorgung der Menschen in diesem Land kraftvoll und stabil gestalten.“

Der Schulterschluss vor Ort ist auch bitter nötig, denn der Wind aus der Bundeshauptstadt bläst den Ärztinnen und Ärzten rauer entgegen. Ob Krankenhausreform oder GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz – viele Gesetzentwürfe aus dem Bundesministerium gehen an der Versorgungsrealität eines Flächenlandes wie Sachsen-Anhalt mit seinen weiten Wegen und einer älter werdenden Bevölkerung vorbei. Doch statt in Jammern zu verfallen, setze das Land auf handfeste Praxislösungen. Initiativen wie „Raus aus der Schule und Rein in die Medizin“ – gemeinsam organisiert mit der KVSA, den beiden medizinischen Fakultäten der Unis und dem Bildungsministerium – holen den Nachwuchs direkt im Klassenzimmer ab, um Landeskinder für das Medizinstudium in der Heimat zu begeistern. Auch bei den Medizinischen Fachangestellten setzt die Ärztekammer auf Ausbildung statt Klage. Dennoch forderte Prof. Ebmeyer die nötigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ein: „Wir jammern nicht nur über den Fachkräftemangel, wir bilden aus. Aber zur Wahrheit gehört auch: Das beste Ausbildungsmodell nützt uns nichts, wenn wir die fertigen Fachkräfte danach an die Kliniken oder fachfremde Industrien verlieren, weil der ambulante Sektor finanziell systematisch trockengelegt wird.“

ÄKSA-Vizepräsident Thomas Dörrer und ÄKSA-Vorstand Henrik Straub.
Auf Augenhöhe (v. l.): Die Vizepräsidentin der Ostdeutschen Psycho- therapeutenkammer, Dr. Sabine Ahrens-Eipper, die Ärztin und Ehrenpräsidentin des Landesverbandes der Freien Berufe Dörte Meisel mit Ministerin Petra Grimm-Benne.

Mit Blick auf die personelle Zukunft und den demografischen Wandel betonte er, wie wichtig es ist, jede helfende Hand anzunehmen: „Wenn wir die Versorgung der Bevölkerung sichern wollen, müssen wir als Land ein attraktiver, unbürokratischer und wertschätzender Arbeitsplatz für qualifizierte Fachkräfte bleiben. Das gilt für alle Berufsgruppen in der Medizin. Selbstverständlich bei entsprechender Qualitätssicherung. Davon profitiert am Ende jeder einzelne Patient in unserem Land.“

Neben Ausbildungsinitiativen und wegweisenden Fortbildungsmodellen wie „LebEL“ für lebensbedrohliche Einsatzlagen gab es durch den Kammerpräsidenten eine unmissverständliche Ansage an alle politischen Entscheider bezüglich der ärztlichen Altersvorsorge. Das rein selbstverwaltete System der Versorgungswerke trage sich ohne einen Cent staatlicher Zuschüsse selbst. Prof. Ebmeyer formulierte hier eine klare rote Linie: „Lassen Sie dieses bewährte System unangetastet in unserer Hand. Das ist für uns eine rote Linie, die nicht verhandelbar ist.“

Bevor es dann Zeit für die Eröffnung des traditionellen Grill-Buffetts samt leckerer Salate wurde; bevor der magische Eiszauber seine Kreationen offerierte und bevor die Sonnenfinsternis dank Apothekerkammer-Präsident Dr. Andreas Münch sicher bestaunt werden konnte – er teilte seine mitgebrachte SoFi-Brille aus dem Jahr 1999 (!) bereitwillig – davor hatte Ärztekammer-Präsident noch eine schöne Aufgabe: Er zeichnete die beste Ausbildungspraxis für MFA aus. Die mittlerweile zum dritten Mal vergebene Ehrung ging in diesem Jahr an das Dialysezentrum Stadtfeld der Berufsausübungsgemeinschaft Dres. med. Partsch, Bondick und Denkert mit Standorten in Magdeburg und Wanzleben. „In einem medizinisch hochspezialisierten, technisch anspruchsvollen und zugleich menschlich hochsensiblen Umfeld wie der Dialyse bildet das Team mit beeindruckender Kontinuität jedes Jahr durchschnittlich ein bis drei Auszubildende sowie Umschulende aus – und übernimmt sie nach erfolgreichem Abschluss regelmäßig!“ Auch dies eine gute Nachricht und vor allem eine wertvolle Arbeit, die Respekt, Wertschätzung und Dank verdient.

Und so gab es an diesem Sommerabend viele Höhepunkte, eine Menschen verbindende Sonnenfinsternis, wenig Lärm doch klare Worte, Live-Musik, Lachen, Hoffnung und gute Gespräche.

K. Basaran

Fotos: Peter Gercke

Prof. Uwe Ebmeyer (3. v. re.) zeichnete das Dialysezentrum Stadtfeld der Berufsausübungsgemeinschaft Dres. med. Partsch, Bondick und Denkert als beste MFA-Ausbildungspraxis aus.
Gastgeber mit Haltung und klaren Worten: KVSA-Vorstand Dr. Böhme (l.) und ÄKSA-Präsident Prof. Uwe Ebmeyer (r.).
Der Parlamentarische Abend aus der Vogelperspektive