Entwicklung und aktuelle Evidenz der renalen Denervierung
Den Grundstein für die klinisch relevante Anwendbarkeit und die Etablierung der renalen Denervierung als effektive Therapieoption zur Blutdruckbehandlung legte die 2010 veröffentlichte Symplicity HTN-2-Studie (Esler et al., 2010). In dieser randomisierten, kontrollierten Studie mit Cross-over-Design nahm der systolische Blutdruck der Patienten nach 6 Monaten durchschnittlich um −32 mmHg ab. Nachdem zunächst Euphorie über die beeindruckenden Werte bestand, brachte die 2014 veröffentlichte Folgestudie Simplicity HTN-3 große Ernüchterung (Bhatt et al., 2014). In dieser randomisierten, verblindeten Studie wurde die Wirksamkeit der renalen Denervierung auf den Blutdruck im Vergleich zu einer Scheinprozedur untersucht. Sechs Monate nach erfolgter renaler Denervierung zeigte sich eine signifikante Reduktion des systolischen Blutdrucks um etwa −14 mmHg. Die Patienten der Scheinprozedur zeigten jedoch nach sechs Monaten ebenfalls eine Blutdruckreduktion von etwa −12 mmHg. Somit wurde der primäre Endpunkt der statistischen Überlegenheit einer renalen Denervierung gegenüber einer Scheinprozedur nicht erreicht. Eine Erklärung der Autoren hierfür war, dass bei der Simplicity HTN-3-Studie etwa 31 % der Interventionalisten die renale Denervierung erstmalig durchgeführt hatten und bei höherer Expertise möglicherweise eine stärkere Blutdruckreduktion erreicht worden wäre. Weitere Störfaktoren der Simplicity HTN-3-Studie waren ein häufig unvollständiges Ablationsmuster, fehlende Prozedurstandards und eine ausschließliche Denervierung der Hauptstämme der Nierenarterien. Zudem zeigte sich bereits in vorherigen Bluthochdruckstudien, dass die Medikamentenadhärenz der Patienten während Studien ansteigen kann, was wiederum zu einer relevanten Blutdruckreduktion von Kontrollgruppen geführt haben könnte.
In den letzten Jahren bestärkten mehrere multizentrische, randomisierte, scheinkontrollierte und verblindete Studien erneut die Effektivität der renalen Denervierung. Bei Hypertonikern mit (Azizi et al., 2021; Kandzari et al., 2018, 2024) und ohne (Azizi et al., 2023; Böhm et al., 2020; Townsend et al., 2017) medikamentöser antihypertensiver Therapie wurden in follow-up-Untersuchungen nach renaler Denervierung signifikante Reduktionen des systolischen Blutdrucks im Bereich von −5 bis
−10 mmHg erzielt; die Ergebnisse unterschieden sich jeweils signifikant von denen der Scheinprozeduren und stellten somit einen Proof of Concept dar. Mehrere Reviews und Metaanalysen zeigten zudem, dass die renale Denervation im Vergleich zur Scheinprozedur den in der Praxis gemessenen systolischen Blutdruck durchschnittlich um 8,5 mmHg (A. S. P. Sharp et al., 2024) bzw. 5,0 mmHg (Ogoyama et al., 2024) stärker senkte. In der langfristigen Patientenverfolgung wiesen mehrere Untersuchungen einen dauerhaft anhaltenden oder sogar weiter zunehmenden Effekt der renalen Denervierung auf den Blutdruck über Beobachtungszeiträume von jeweils 3 Jahren auf (Mahfoud et al., 2019, 2022; Rader et al., 2022; Stephan et al., 2026). Zudem zeigten Observationsstudien anhaltende blutdrucksenkende Effekte auch über einen Beobachtungszeitraum von 8 Jahren hinaus (Zeijen et al., 2024). Ein wesentlicher Vorteil gegenüber der medikamentösen Therapie ist die dauerhafte Wirkung der renalen Denervierung unabhängig von der individuellen medikamentösen Therapieadhärenz. Langzeitdaten zu kardiovaskulären Endpunkten wie kardiovaskulären Ereignissen und Mortalität sowie Gesamtmortalität stehen aktuell noch aus.
Techniken der renalen Denervierung
Derzeit stehen drei unterschiedliche Verfahrenstechniken zur renalen Denervierung zur Verfügung, die mit verschiedenen Modalitäten die sympathischen Nervenfasern an den Nierenarterien in ihrer Aktivität hemmen. Bei allen Verfahren wird zunächst die Leistenarterie punktiert und ein Katheter zu den Nierenarterien vorgebracht. Das Symplicity Spyral System (Medtronic, Dublin, Irland) verwendet einen Katheter mit vier spiralförmig angeordneten Elektroden, die mittels Radiofrequenz thermische Energie erzeugen, um die Nerven in der renalen Arterienwand zu veröden. Das Paradise-System (Recor Medical, Palo Alto, USA) übermittelt Energie durch einen Ballonkatheter in Form von Ultraschall in die renalen Arterien. Das dritte und neueste Verfahren ist das Peregrine-System (Ablative Solutions, Wakefield, USA), welches geringe Mengen dehydratisierten Alkohols über einen Katheter mit drei integrierten, konzentrisch angeordneten Mikronadeln in den perivaskulären Raum injiziert. Abbildung 3 zeigt beispielhaft das ultraschallbasierte Paradise-System zur renalen Denervierung.
Sicherheitsaspekte
Neben den randomisierten, scheinkontrollierten Studien (Azizi et al., 2021; Azizi et al., 2023; Böhm et al., 2020; Kandzari et al., 2018; Townsend et al., 2017) belegt auch eine große Registerstudie (Kandzari et al., 2018) die langfristige Sicherheit der renalen Denervierung. Die Risiken entsprechen dabei denen eines femoralen Gefäßzugangs sowie der Strahlenbelastung und kontrastmittelbedingten Nebenwirkungen und gehen nicht über diese hinaus. Daten aus der Global Symplicity Register-Studie zeigten über einen Beobachtungszeitraum von 3 Jahren, dass der postinterventionelle Abfall der geschätzten glomerulären Filtrationsrate (eGFR) im Bereich des zu erwartenden eGFR-Abfalls eines natürlichen, hypertoniebedingten Alterungsprozesses liegt (Mahfoud et al., 2019). Wichtig zu erwähnen ist hierbei, dass Patienten mit einer eGFR <40 ml/min/1,73 m2 aus allen scheinkontrollierten Studien ausgeschlossen wurden, womit die Sicherheit bei schwerer Nierenfunktionsstörung bisher nicht evidenzbasiert beurteilt werden kann. Eine Metaanalyse aus 50 Studien (5.769 Patienten) zeigte nach einer postinterventionellen Medianzeit von 11 Monaten eine Rate von 0,2 % für renale Stentimplantationen aufgrund einer neu aufgetretenen relevanten Nierenarterienstenose (Townsend et al., 2020). Ein weiterer wichtiger Aspekt der Patientensicherheit ist, dass bei ausreichender Wirkung der renalen Denervierung auf den Blutdruck eine Reduktion der Blutdruckmedikation erwogen werden kann. Die o. g. Symplicity Register-Studie konnte zeigen, dass es 6 Monate nach erfolgter renaler Denervierung zu einer signifikanten Reduktion der eingesetzten Antihypertensiva kam (Böhm et al., 2015). Dies wiederum kann das Risiko für medikamentenassoziierte Nebenwirkungen reduzieren.
Kontraindikationen
Kontraindikationen für eine renale Denervierung stellen sekundäre Ursachen einer Hypertonie dar wie beispielsweise ein primärer Hyperaldosteronismus (Sudano et al., 2018). Aufgrund bisher fehlender Daten ist die renale Denervierung bei eingeschränkter Nierenfunktion mit einer eGFR <40 ml/min/1,73 m² derzeit nicht validiert; dies wird aktuell in verschiedenen Studien untersucht. Weitere nierenbezogene Erkrankungen wie morphologische oder funktionelle Einnierigkeit, eine relevante Nierenarterienstenose oder ungeeignete Nierenanatomie müssen präinterventionell evaluiert werden, da sie weitere Kontraindikationen darstellen. Des Weiteren sind Personen <18 bzw. >80 Jahre sowie Schwangere und Stillende für dieses Verfahren ausgeschlossen.
Für Patienten, die nicht für eine renale Denervierung geeignet sind oder bei denen nach erfolgter renaler Denervierung keine ausreichende Blutdrucksenkung erreicht wird, besteht nach vorheriger Untersuchung und Ausschluss der diesbezüglichen Kontraindikationen als weitere Therapieoption die Implantation eines Barorezeptor-Stimulators. Hierbei wird chirurgisch ein elektrischer Impulsgeber, ähnlich einem Herzschrittmacher, subkutan im Bereich der pektoralen Wand implantiert. Von dort aus führt eine Elektrode zur Karotisbifurkation, in der sich der Sinus caroticus befindet. Dieses parasympathische Paraganglion führt bei Stimulation zu einer Hemmung des Sympathikus. Ein Übersichtsartikel aus dem Jahr 2024 zeigte für die Barorezeptorstimulation eine durchschnittliche Blutdrucksenkung von etwa −20 mmHg systolisch (Biffi et al., 2024). Das Verfahren wird z. B. in der Herzchirurgie des Universitätsklinikums Magdeburg durchgeführt (Ansprechpartner: PD Dr. med. Max Wacker).
Weitere potenzielle Effekte der renalen Denervierung
Der Großteil der bisherigen Untersuchungen zur renalen Denervierung hatte den Blutdruck als primären Endpunkt. Da eine renale Denervierung jedoch auf mehrere Mechanismen der Blutdruckregulation wirkt (u. a. das RAAS-System und die Natriumretention), konnten einige Untersuchungen bereits zeigen, dass die Wirkung der renalen Denervierung über die reine Blutdrucksenkung hinausgehen kann und es weitere mögliche pleiotrope Effekte gibt. In Tiermodellen konnte beispielsweise gezeigt werden, dass bei bestehender Herzinsuffizienz durch eine renale Denervierung eine Reduktion der RAAS-
Aktivität (T. E. Sharp et al., 2018), ein verringertes kardiales Remodelling (Doiron et al., 2024; Wang et al., 2014) und eine verbesserte linksventrikuläre Pumpfunktion (Polhemus et al., 2017) erzielt werden kann. Auch in Humanstudien konnten neben der Blutdrucksenkung weitere Effekte gezeigt werden. Zum Beispiel konnten Untersuchungen zeigen, dass eine Pulmonalvenenisolation (PVI) bei Patienten mit paroxysmalem oder persistierendem Vorhofflimmern mit simultaner renaler Denervierung nach 12 Monaten zu einer signifikant geringeren Auftretenswahrscheinlichkeit für ein Vorhofflimmer-Rezidiv führt als eine alleinige PVI (Pokushalov et al., 2012; Steinberg et al., 2020). Eine Untersuchung von Bytyqi et al. konnte zeigen, dass es bei Patienten mit und ohne KHK nach einer renalen Denervierung zu einer signifikanten Reduktion des Gesamtcholesterins, des LDL-Cholesterins und der Triglyzeride kam. Diese Effekte traten sowohl bei Patienten mit und ohne bestehende pharmakologische lipidsenkende Medikation und unabhängig von der Blutdruckreduktion durch die renale Denervierung auf (Bytyqi et al., 2026). Der potenzielle Wirkmechanismus basiert hierbei wahrscheinlich ebenfalls auf einer Inhibition des sympathoadrenergen Systems, da dies zu einer Verbesserung metabolischer Parameter führen kann. Weitere Untersuchungen konnten bereits zeigen, dass eine Hemmung des sympathischen Nervensystems mit einer Gewichtsreduktion, einer vermehrten Insulinsensitivität und einer Reduktion der Blutfettwerte assoziiert ist (Lambert et al., 2010; Masuo et al., 1997; Thorp & Schlaich, 2015). Untersuchungen zur Auswirkung einer renalen Denervierung auf die retinale Mikrovaskulatur konnten zeigen, dass es nach 3, 6 und 12 Monaten zu einer vermehrten Kapillarisierung der Netzhaut kam als Indikator für eine Verbesserung der mikrovaskulären Funktion (Bosch et al., 2025). Auch gibt es Hinweise auf eine signifikante Zunahme der dermalen Kapillarisierung 12 Monate nach erfolgter renaler Denervierung. Weitere Effekte sind signifikante Verringerungen der Pulswellengeschwindigkeit, des arteriellen Augmentationsindex (Brandt et al., 2012) und der Albumin-Creatinin-Ratio im Urin (Ott et al., 2014). In einem aktuellen Übersichtsartikel postulieren die Autoren, dass die pleiotropen Effekte der renalen Denervierung u. a. auf eine Verbesserung der Endothelfunktion zurückzuführen sind (Dimitriadis et al., 2025).
Renale Denervierung in Sachsen-Anhalt
In den beiden kardiologischen Universitätsklinika Magdeburg und Halle wird die renale Denervierung als Therapieoption bei Patienten mit unkontrollierter und therapieresistenter Hypertonie angeboten. Über die dortigen Ambulanzen erfolgt bei jedem potenziell geeigneten Patienten ein individualisiertes, gezieltes Screening auf sekundäre Hypertonieursachen. Des Weiteren wird jeder Patient auf eine ausreichende Nierenfunktion (eGFR ≥40 ml/min), geeignete Nieren(arterien)morphologie und punktionsgeeignete Femoralarterien untersucht. Zudem werden in Magdeburg im Rahmen einer Studie die Auswirkungen der renalen Denervierung auf die Mikrovaskulatur untersucht (MIND-RDN = Microvascular Insight From Renal Denervation). Die prospektive Beobachtungsstudie untersucht den Einfluss einer renalen Denervierung bei unkontrollierter/therapieresistenter Hypertonie u. a. auf die Gefäßsteifigkeit und -elastizität, die retinale Mikrovaskulatur, zerebrale Mikro- und Makroangiopathien sowie die zeitliche Dynamik der Blutdruckveränderungen im Beobachtungszeitraum mittels telemedizinischem Remote-Monitoring. Nach Probandeneinschluss und Baseline Assessment erfolgt bereits vor renaler Denervierung ein 1-monatiges telemedizinisches Monitoring der häuslichen Blutdruckwerte. Nach der renalen Denervierung werden die Patienten für insgesamt 12 weitere Monate telemedizinisch angebunden. Mittels engmaschiger follow-up-Messungen (1, 3, 6 und 12 Monate postinterventionell) werden die zeitliche Dynamik potenzieller Effekte auf (mikro)vaskuläre Funktionen und den Blutdruck untersucht. Ziel des Forschungsprojektes ist die Untersuchung der Auswirkungen der renalen Denervierung auf die (mikro-)vaskuläre Gesundheit mittels einer breiten Testbatterie, die Analyse der zeitlichen Dynamik der Blutdruckveränderungen mittels Remote Telemonitoring sowie die Optimierung der Versorgung der behandelten Patienten. Anfragen und Zuweisungen im Raum Magdeburg bitte an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. senden. Potenziell geeignete Patienten werden dort interdisziplinär in einem eigens hierfür gegründeten Board besprochen und bei Auffälligkeiten an die zuständigen Fachdisziplinen weitergeleitet (z. B. Nephrologie oder Endokrinologie).
Fallbeispiel
Ein 68-jähriger Patient litt seit Jahren an einer therapierefraktären Hypertonie. Insgesamt nahm er fünf Antihypertensiva in maximaler Dosis ein (Perindopril, Amlodipin, Indapamid, Spironolacton, Urapidil). Trotz dieser Medikamentenkombination lag der durchschnittliche Blutdruck in der 24h-Langzeitmessung bei 145/66 mmHg und erreichte wiederholt Blutdruckspitzen >180 mmHg systolisch. Der Patient hatte bis auf eine diskrete Belastungsdyspnoe keine Beschwerden. In der transthorakalen Echokardiographie und im Kardio-MRT zeigten sich bereits Zeichen einer hypertensiven Herzerkrankung mit einer Hypertrophie des interventrikulären Septums von 13 mm. In den endokrinologischen Untersuchungen gab es keine Hinweise auf einen primären Hyperaldosteronismus, ein Hypercortisolismus oder einen Hyperparathyreoidismus. Ein obstruktives Schlafapnoesyndrom war vorbekannt und wurde mit einer CPAP-Maske behandelt. Es bestand bzgl. der antihypertensiven Medikation und der CPAP-Schlafmaske eine gute Adhärenz, so dass eine unzureichende Therapietreue als mögliche Ursache der Therapieresistenz ausgeschlossen werden konnte. Am 03.02.2026 erfolgte die komplikationslose renale Denervierung, so dass der Patient am Folgetag das Krankenhaus wieder verlassen konnte. Nach einem Monat ist der 24h-Blutdruck bereits auf 126/57 mmHg gesunken und nach 6 Monaten auf 118/59 mmHg. Der Patient berichtet insgesamt von einem gesteigerten Wohlbefinden.
Fazit für die Praxis
- Ergänzend zu Lebensstiländerungen und Pharmakotherapie fungiert die renale Denervierung heute als komplementäre Säule bei unkontrollierter oder therapieresistenter Hypertonie.
- Durch eine renale Denervierung erreichen mehr Patienten ihren individuellen Blutdruck-Zielbereich.
- Die Patientenselektion bedarf einer gezielten Untersuchung sekundärer Hypertonieursachen und einer präinterventionellen Beurteilung der renalen Funktion und renovaskulären Morphologie.
- Die Effekte der renalen Denervierung gehen über eine Blutdruckreduktion hinaus.