Erschütternd, bewegend und so aktuell: Noch bis zum 29. September 2026 ist im Haus der Heilberufe in Magdeburg die Wanderausstellung „Systemerkrankung. Arzt und Patient im Nationalsozialismus“ auf Einladung der KVSA zu erleben. Am 19. August wurde die preisgekrönte Schau, die sich der Aufarbeitung ärztlichen Wirkens in Deutschlands dunkelstem Kapitel widmet, offiziell eröffnet. Anhand von Fallbeispielen können Besucher nachvollziehen, wie aus Ärztinnen und Ärzten Täter wurden, wie sie bei der Selektion „unwerten Lebens“ und seiner Vernichtung halfen; wie jüdische Kolleginnen und Kollegen systematisch aus Ämtern gedrängt und an der Berufsausübung gehindert wurden.
Zur Eröffnung kamen neben dem KVSA-Vorstandsvorsitzenden Dr. Jörg Böhme, Landtagsvizepräsidentin Anne-Marie Keding (CDU), der Co-Kurator der Ausstellung Sjoma Liederwald und Judith Gebauer, Leiterin der Gedenkstätte für Opfer der NS-„Euthanasie“ Bernburg zu Wort.
Letzter Redner war Raimund Dehmlow, der unter anderem am Beispiel von Dr. Julius Kahn (1885 – 1939) verdeutlichte, was die Machtergreifung für einen angesehenen Magdeburger Arzt mit jüdischen Wurzeln bedeutete: Dr. Kahn war Vorsitzender des „Vereins Magdeburger Kassenärzte“ – bis er nicht nur um dieses Amt, sondern auch um Approbation und sein Leben gebracht wurde. Seine letzte Ruhe hat er auf dem Israelitischen Friedhof am Fermersleber Weg in Magdeburg gefunden. Es ist ohne Grabstein. Bis jetzt. Dieter Steinecke, ehemaliger Landtagspräsident, will sich nun für einen Grabstein stark machen. Der Bibliothekar und Forscher Dehmlow wird im Oktober sein Buch „Wir waren Deutsche“. Jüdische Ärztinnen und Ärzte in Magdeburg veröffentlichen. Es erscheint im mdv Mitteldeutschen Verlag (ISBN 978-3-68948-196-4, 30 Euro).
Thomas Dörrer, Vizepräsident der Ärztekammer Sachsen-Anhalt, kommentierte nach der Eröffnung: „Diese Schau mahnt uns mehrfach, dass Politik sich nicht in die ärztliche Selbstverwaltung einmischen darf, damit wir Ärztinnen und Ärzte nie wieder Teil solch einer Maschinerie werden.“
Wer nun die Ausstellung besuchen möchte – bis zum 29. September besteht dazu die Möglichkeit im Haus der Heilberufe am Doctor-Eisenbart-Ring 2 (Montag bis Donnerstag von 9 bis 17 Uhr, Freitag 9 bis 13 Uhr).


