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Bewegende Begegnung erinnert an einen jüdischen Arzt

Wie die Familie Silberstein Magdeburg verließ – und Jahrzehnte später zurückfand

Wie die Familie Silberstein Magdeburg verließ – und Jahrzehnte später zurückfand

Empfehlungsschreiben von Physiker und Nobelpreisträger Albert Einstein für Kurt Silberstein

An einem Julitag 1973 begleitet der Ingenieur Dr. Willi Polte – später Oberbürgermeister Magdeburgs – seine Frau zur Nachuntersuchung in die Klinik. Während er wartet, schlendert er den Fermersleber Weg entlang. Am Israelitischen Friedhof hält gerade ein Wagen. Ein Paar steigt aus, sichtbar bewegt. Polte kommt mit ihnen ins Gespräch – und erfährt, dass die beiden aus Australien angereist sind, um ein Grab zu besuchen: das von Dr. med. Dagobert David Silberstein, ihrem Vater bzw. Schwiegervater.

Dagobert Silberstein war 1935 in Magdeburg gestorben. Die frühen Jahre der NS-Herrschaft hatte er noch miterlebt, doch Freude war ihm kaum geblieben. Sein älterer Sohn Kurt Jacob, eigentlich als Nachfolger für die Praxis in der Johannisbergstraße 8 vorgesehen, hatte Deutschland bereits 1933 verlassen. Der junge Arzt hatte in Berlin eine antisemitische Vorlesung erlebt – ein Professor präsentierte hier einen „affenähnlichen Schädel“ als angeblich typisch jüdisch. Kurt widersprach lautstark, verließ den Saal - und kurz darauf das Land.

Dagobert Silberstein

Kurt Silberstein

Über das belgische Ostende führte ihn der Weg zu einem alten Bekannten der Familie, dem Physiker und Nobelpreisträger Albert Einstein. Dieser stellte Kurt sofort ein eindrucksvolles Empfehlungsschreiben aus (siehe Foto, S. 9). Darin heißt es: „Herr Kurt Silberstein, Dr. Med., der bei meinem Freunde dem hervorragenden Internisten und bisherigen Direktor des Krankenhauses Berlin-Neukölln Prof. Ehrmann zwei Jahre als Assistent thätig war, wird mir von diesem als ausgezeichneter Fachmann und Arzt aufs Wärmste empfohlen. Da ich das Verantwortungsgefühl und die kritische Natur meines Freundes genau kenne, halte ich mich für berechtigt, Herrn Dr. Silberstein meinerseits der Förderung durch ausländische Ärzte und Behörden für würdig zu erklären, überzeugt dass er als Arzt und als Persönlichkeit volles Vertrauen verdient.“ Danach ging Kurt nach Irland, heiratete dort seine Wally Elisabeth Anna Kschiwan, erneuerte seine Approbation und erwarb die „Triple Qualification“ der Royal Colleges. In Belfast und später in Cambridge arbeitete er als Arzt, Amtsarzt und sogar Polizeichirurg. Zwei Töchter, Joan und Ann, wurden geboren. 1937 konnte auch seine Mutter Klara Deutschland verlassen und zu ihnen stoßen.

Die Besucher, denen nun Polte 1973 begegnet, sind der jüngere Bruder Rudolf Michael („Rudi“) Silberstein und seine Frau Gerda. Sie hatten 1935 in Berlin geheiratet und verließen 1937 Deutschland Richtung Australien. 1938 erreichten sie Sydney, änderten ihren Namen in Silverton und gründeten eine neue Existenz. Rudi baute das Unternehmen Freidelle Children’s Wear auf, das zu einem der führenden Kindermodenhersteller Australiens wurde. Die drei Kinder Robert, Barry und Naomi wurden dort geboren.

Doch zurück zu Dagobert David Silberstein, dem Vater der Brüder Kurt und Rudi. Er war 1875 im schlesischen Nakel geboren, Sohn eines litauischen Kantors und Schächters. Nach Studium und Promotion in Greifswald ließ er sich zunächst in Rogätz nieder, heiratete Klara Schwerin und wurde Vater von Kurt (1905) und Rudi (1907). Im Ersten Weltkrieg diente er als Arzt; sein Tagebuch berichtet vom traumatisierenden Frontalltag, Auszeichnungen und Verwundeten.

„24.05.1917: Der Kaiser, Kronprinz und Hindenburg in Autricourt, Mouzon, Lombet. In der Nacht des 25.V. Flugzeugangriff auf Sedan, viel Flugabwehrfeuer zu hören, Luftstöße und Suchscheinwerfer deutlich sichtbar.
14.09. Ausgezeichnet mit dem E.K.II. Der Zahlmeister stellt mir den Orden zur Verfügung. Am Abend feierte ich mein Eisernes Kreuz.
11.10. Ich wurde zum Chefarzt befördert. Gefeiert in der Messe mit kleinem Männerkreis. Ab dem nächsten Kurs werde ich einen Vortrag über die Natur und Behandlung von Kriegsgasvergiftungen halten.
22.03.1918 Flugzeugangriff auf Saulnes, schwer Verwundete auf der Straße, ein Kehlkopf-, Lungen-Schuss und ein Schuss direkt durch die Brustwand.“

Nach dem Krieg kehrte der Arzt verändert zurück – sein Sohn erinnerte später, der Vater habe kaum noch eine Synagoge betreten. 1927 ließ er sich in Magdeburg als praktischer Arzt und Bezirksarzt nieder. 1935 starb er an einer Blinddarm- und Bauchfellentzündung und wurde auf dem Israelitischen Friedhof beigesetzt.

Trotz aller Demütigungen und Verluste blieb Magdeburg für die Familie Silberstein ein Ort der Erinnerung – nicht zuletzt wegen der zufälligen Begegnung mit Willi Polte im Jahr 1973. Bis heute hält Naomi Silverton, Rudis Tochter, Kontakt zu ihm. Sie und ihr Neffe Nigel Marchbank trugen maßgeblich zur Entstehung des biografischen Abrisses in der im Sommer erscheinenden Monographie von Raimund Dehmlow „Wir waren Deutsche“ – Jüdische Ärztinnen und Ärzte in Magdeburg bei. Der Autor ist Bibliothekar, Erinnerungsforscher, Journalist und Mitglied der städtischen AG Stolpersteine für Magdeburg.

R. Dehmlow

Fotos: ÄKSA/Dehmlow