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Buchrezension

Die Anderen – die harte Realität der Obdachlosigkeit

Die Anderen – die harte Realität der Obdachlosigkeit

Janita-Marja Juvonen
VOIMA Verlag Horgen 2023, ISBN 978-3-907442-32-6, Hardcover im Oktavf., 215 S. 15 s.-w. Abb. € 24,00

Augen und Herzen möchte sie mit diesem Buch öffnen, Vorurteile und Klischees gegenüber Pennerinnen abbauen. Die finnisch-stämmige deutschsprachi­ge Autorin, in der Szene kurz JJ genannt, hat 14 Jahre auf der Straße gelebt. Von den drogenabhängigen Eltern wurde sie im Alter von 6 Monaten zusammen mit ihrer 2-jährigen Schwester in einer Wohnung allein zurückgelassen. Adoption und anderweitige Betreuungsformen waren kein Ausgleich für den Verlust der Familie. Depression, Sucht, Jobverlust, Trennungen und Unfall machten sie schließlich obdachlos, zu einem Menschen ohne Obdach, besser gesagt. Der Lebensmittelpunkt wurde die Straße, Tag und Nacht. Dieses Leben dort kostete enorm viel Kraft. Zwischenstufen der Wohnungslosigkeit mit Notunterkünften etc. stellten für sie keine Lösung dar.

Obdachlose sind einer starken gesellschaftlichen Pauschalisierung ausgesetzt. Sie seien faul, aggressiv, süchtig, ungebildet und psychisch krank, hat sie erfahren müssen. Sie wurde von den Anderen, den Wohnenden, in eine Schublade gesteckt und als Opfer beschimpft. Obdachlose sind immer sichtbar, immer unter besonderer Beobachtung und nach Ansicht ihrer meisten Mitbürger an ihrer Misere selbst schuld. Nach unten geht es schnell, wieder hinauf ganz schwer. Der Drogenkonsum bietet sich als Problemlöser an bzw. leitet die schlimme Existenzform ein. Es ist in den 42 textlich kurzen Kapiteln von den Problemen und Gefahren dieser für viele von uns unvorstellbaren Lebensart die Rede, besonders Frauen betreffend. Sie seien in der Obdachlosigkeit Meisterinnen der Tarnung ihrer wirklichen Situation. Auf die zu vermutende Beschaffungsarbeit zur Sicherung des Drogenkonsums geht die Autorin nicht explizit ein.

Das Leben sei in der Nähe urbaner Zentren erforderlich, um öffentliche Infrastrukturen bzw. organisierte Hilfen tagsüber wahrnehmen zu können: Wasserzapfstellen, Toiletten oder Gebüsche, Schlafecken, Regenschutz, Kommunikation mit Gleichbetroffenen etc. Der Phänotyp des Weiblichen sollte allerdings nicht im Vordergrund stehen, was wegen des Mangels an modischer Kleidung auch nicht schwerfallen würde. Versteckte primitive Kleidermöbel werden von der Müllabfuhr regelmäßig abgeräumt. Der Ruf „Die Fahrscheine bitte“ sei der Horror der Obdachlosen. Zu häufig führe er zur Festsetzung in Form der Ersatzfreiheitsstrafe, da die amtliche finanzielle Forderung nicht beglichen werden könne. Obdachlosigkeit sei eine einzige Aneinanderreihung von Problemen, sagt Janita-M. Juvonen. Sie gibt so manchen Ratschlag zum Umgang mit ihren einstigen Leidensgenossinnen. Sie seien keine Müllentsorgungsmöglichkeiten für getragene Kleidung. Mitgefühl, nicht Mitleid sei gefragt, z. B. der in guter Absicht gereichte Kaffee to go, wenn er morgens der xte sei. Eine Geldspende respektiert die bedürftige Person eher, u. a. für den Kauf von Binden. Überhaupt, das Problem Menstruation! Aber Männer ohne Obdach sind nicht viel besser dran, häufig von sexueller Gewalt betroffen. In der Adventszeit konnte sie ihren ganzen Rucksack mit geschenkten fettigen Schmalzkuchen füllen. Der Magen sträubt sich. Ablehnung aber würde als pure Undankbarkeit wahrgenommen werden. Man sollte es nicht für möglich halten, es gibt eine „Defensive Architektur“ zur Gestaltung von Bauten und Zugängen im öffentlichen Raum und zum Design von Parkbänken, damit dort liegen unmöglich wird. Sie belegt es mit Bildern im laufenden Text.

Janita-M Juvonen weiß sehr glaubwürdig vom überlebten Leben in der Obdachlosigkeit zu berichten. Ihr ist der Wechsel zu den Wohnenden gelungen, auch der sehr schwere Ausstieg aus den Drogen im jahrelangen Kampf gegen Suchtdruck und Drogenträume. Wer aber sind die Anderen aus dem Buchtitel? Sind es etwa die biblischen Nächsten? Diese Einschätzung überlässt die Autorin den Leserinnen und Lesern. Sie rät zum Perspektivwechsel. Schriftsatz und kleinteilige Strukturierung erleichtern das Lesen dieses Buches, dessen Professionalität weniger im Stil als im erfahrungsgesättigten Inhalt seiner Zeilen zu suchen ist. Ihr letzter Satz im Buch lautet: Ich liebe dich.

F.T.A. Erle, Magdeburg (August 2025)

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