„Auf die Berge will ich steigen, wo die dunklen Tannen ragen…“ so Heinrich Heine 1824 vor dem Aufbruch zu Fuß aus Göttingen in den Harz. Fast genau 200 Jahre später tritt der Schriftsteller Steffen Kopetzky den gleichen Weg an, Heines „Harzreise“ im Kopf. Sein Weg beginnt im niedersächsischen Westteil des Mittelgebirges. Kopetzky ist kein geübter Wanderer. Aber er liefert wortreich anschauliche Bilder seiner Erlebnisse und Begegnungen, festgehalten mit Stift und Notizbuch, bewährte Speichermedien des
sehr kommunikativen Zeitgenossen. Sein literarischer Weggenosse Heine nennt ihm Ziele und liefert Zitate. Offenen Auges registriert der neuzeitliche Wanderer in den ehemals westdeutschen Bergstädten, z. B. in Osterode und Clausthal-Zellerfeld, den unübersehbaren Leerstand hinter den Fensterscheiben, den er eigentlich mehr im Osten erwartet hätte. Dabei war diese Harzregion aufgrund ihrer Bodenschätze, insbesondere des Silbers, einmal Wunschland vieler Fürsten des Reiches. Sie wurde aufgrund dessen zu einem Kernland der deutschen Industrieentwicklung und Innovationskraft auf Basis der technischen, organisatorischen und (hydro)mechanischen Bewältigung der Erzförderung. In Clausthal frappiert ihn der sächsische Sprachklang der Eingesessenen, zurückzuführen auf frühere Anwerbungen von Bergleuten aus dem Erzgebirge im Rahmen der sog. Bergfreyheit. Dem Wanderer wird bewusst, dass unter seinen Füßen eine riesige Maschine liegt, zu Recht Bergwerk genannt. Clausthaler, das erste alkoholfreie Bier, gibt es allerdings vor Ort nicht, aus Ärger über die Entführung der Marke. Dafür gibt es eine international geprägte Technische Universität, die dem Bevölkerungszuschnitt guttut.
Die Wegstrecke in 12 Etappen, in kurzen Hosen und mit Rucksack, macht insgesamt fast 200 km aus, innerörtliche Wege inklusive. Es geht in Regen, Wind und Sonne über Hochflächen, durch Restwälder und nachwachsendes Grün, an Flüssen, Teichen und Talsperren entlang. Höhepunkt ist der Aufstieg auf den Brocken. Der wird zu einem Gang in die deutsche und örtliche Geschichte samt Geisterwelt und Literatur. Er nimmt dort oben den früheren Osten wahr und kommt an der Literaturverankerung dieses Berges nicht vorbei, an historischen Besteigungen, an Sagen und Legenden und seiner zunehmenden Eroberung durch Wander- und Radtouristen und per Bahn. Die Bedeutung als Aussichtspunkt und teletechnischer Spähposten hat er nie verloren, was letztlich zur Zerstörung seiner Infrastruktur in den letzten Kriegstagen durch amerikanische Bomben führte. 1947 erfolge die Übergabe an die Sowjets. Mit Ausbau des rigorosen Grenzregimes der DDR 1961 wurde er für die Zivilbevölkerung unerreichbar. Auf die mythischen Geister folgten die tödlich bewaffneten. In den offiziellen Verlautbarungen wurde sogar sein Name gemieden.
Der Abstieg entlang der lieblichen Ilse bringt die wohl stärkste Annäherung an Heine. Kost und Logis nimmt Kopetzky in Wernigerode, dem er ein hohes Maß an Bewunderung zukommen lässt ob seines bunten und lebendigen Zustandes. Er nennt sie eine Metropole des jungen Glücks. Aber auch dort, wie schon in den westlichen Lokationen, stört ihn eine unüberhörbar geäußerte, grämliche politische Stimmung, hier nun tiefblau getönt. Weiter geht es ins tiefe Bodetal nach Rübeland zu den feuchtkalten Tropfsteinfiguren.
Die letzte Etappe führt über die Rappbodetalsperre in das sagenumwobene Bodetal. Die Reise endet in Thale, wo er nachts vom Gesang einer in den Norden verirrten Zikade verabschiedet wird. Eine neue Zeit deutet sich an. Die am Reisebeginn avisierten dunklen Tannen gibt es nicht mehr. Aber es wächst Neues nach. Steffen Kopetzky weiß es gebührend zu würdigen, spannend, mit Witz, in lockerer Sprache. Nicht nur Harzfreunden dürfte die Lektüre zur Freude gereichen.
F.T.A. Erle, Magdeburg (Juni 2026)


