Havelberg ist ein Ort, der schöner nicht sein könnte – und der doch programmatisch für eine der größten Baustellen der Landespolitik in Sachsen-Anhalt steht. In dem malerischen Städtchen im Norden Sachsen-Anhalts lässt sich die Fieberkurve der regionalen Gesundheitsversorgung präzise ablesen: Seit Jahren kämpft eine Initiative mit bemerkenswerter Ausdauer und Hartnäckigkeit nach dem Aus des örtlichen Krankenhauses für ein tragfähiges MVZ. Bislang vergebens. Dass die Wahl des Tagungsortes für die letzte Kammerversammlung der VIII. Wahlperiode auf Havelberg fiel, war daher weit mehr als eine rein organisatorische Geste. Es war eine bewusste Standortbestimmung in einer Zeit, in der die medizinische Infrastruktur im ländlichen Raum unter einem beispiellosen Druck steht.

Gleich zu Beginn der zweitägigen Versammlung am 10. und 11. April 2026 wurde klar, wie Engagement für eine funktionierende Versorgung auch aussehen und wirken kann: Die feierliche Verleihung von gleich zwei Ehrenzeichen setzte ein emotionales Ausrufezeichen, bevor die politischen Debatten und das parlamentarische Geschäft Fahrt aufnahmen. Die höchste Auszeichnung der Ärztekammer Sachsen-Anhalt fand in der Ehrung von Sanitätsrat Dr.
Hans-Jürgen Groh eine ihrer lebendigsten Bestätigungen. In seiner Laudatio würdigte Dr. Torsten Kudela, Hausarzt in Magdeburg, Chef des Hausärzteverbandes und Vorstandsmitglied der Ärztekammer, das Wirken des heute 89-jährigen Landarztes, der gemeinsam mit seiner Frau nach Havelberg gereist war. Über 60 Jahre lang bildete das Ehepaar Groh die medizinische Konstante in Atzendorf bei Staßfurt – ein Dienst am Patienten, der weit über das übliche Maß hinausgeht und das Idealbild des Landarztes als verlässlicher Ankerpunkt prägte. Dr. Kudela hob hervor, dass solche Biografien das Rückgrat der Versorgung bilden; das Ausscheiden einer solchen Persönlichkeit hinterlasse eine Lücke, die weit über das Fachliche hinausgeht. Dr. Groh nahm das Ehrenzeichen mit einem bewegten „Dankeschön“ an.

Einen ebenso kraftvollen wie berührenden Akzent setzte anschließend die Auszeichnung von Dr. Petra Bubel. In einer sehr persönlichen Laudatio würdigte Kammerpräsident Prof. Uwe Ebmeyer das langjährige Wirken der engagierten HNO-Ärztin aus Eisleben. Als Vorstandsmitglied der Ärztekammer verkörpert Dr. Bubel beispielhaft den leidenschaftlichen Kampf um die standespolitische Mitsprache und die Gewinnung des ärztlichen Nachwuchses. Prof. Ebmeyer zeichnete den Weg einer Kollegin nach, die sich nie scheute, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen, wenn es um die Qualität der Ausbildung oder die Zukunft der ärztlichen Freiberuflichkeit ging. Dass ihr Engagement tiefe Spuren in der Kollegenschaft hinterlassen hat, zeigte sich unmittelbar nach der Verleihung: Das gesamte Plenum erhob sich zu Standing Ovations – ein seltener und Gänsehaut erzeugender Moment der kollektiven Anerkennung, der die tiefe Wertschätzung für ihren unermüdlichen Einsatz und ihre Persönlichkeit eindrucksvoll unterstrich. Dr. Bubel nutzte die Gelegenheit, um sich nach ihrem Dank für das Ehrenzeichen noch einmal ans Plenum zu wenden: „Wir müssen uns weiter einsetzen – für Nachwuchs, ein starkes ambulantes System und unsere Freiberuflichkeit“, appellierte sie nachdrücklich an die Kammerversammlung.
In seiner anschließenden Rede zur politischen Lage zog Prof. Ebmeyer eine Bilanz der vergangenen Wahlperiode. Havelberg, so betonte der Präsident mit Nachdruck, sei ein Symbolort für die Herausforderungen in einem Flächenland wie Sachsen-Anhalt. Wer die schmerzhafte Schließung des Krankenhauses im Jahr 2020 miterlebt habe, wisse, dass digitale Innovationen und Telemedizin zwar wichtige Unterstützungen bieten können, die physische ärztliche Präsenz vor Ort aber niemals vollumfänglich ersetzen werden. Mit Blick auf die anstehende Umsetzung der Krankenhausreform in Sachsen-Anhalt und die kommenden Landtagswahlen im September forderte er von der Politik keine kurzfristigen kosmetischen Effekte oder medienwirksame Versprechen, sondern nachhaltige Strukturen, die zur Lebensrealität der Menschen passen.
Ein zentraler Pfeiler galt auch der kritischen Auseinandersetzung mit den aktuellen Reformplänen auf Landes- und Bundesebene. Der Präsident fand deutliche Worte zur Arbeit der Finanzkommission Gesundheit und den daraus resultierenden 66 Vorschlägen, die derzeit die bundesweite gesundheitspolitische Debatte beherrschen.

Rege Diskussionen um Prävention und Zuckersteuer: Hier macht sich Dr. Torsten Kudela für eine nachhaltige Gesundheitserziehung insbesondere bei Kindern stark.
Obwohl Bundesgesundheitsministerin Nina Warken diese Empfehlungen bislang lediglich als „Werkzeugkasten“ bezeichnet, aus dem ein ausgewogenes Reformpaket geschnürt werden soll, mahnte Prof. Ebmeyer zur äußersten Wachsamkeit. Er stellte unmissverständlich klar, dass echte Stabilität im System nicht durch erneute Kürzungen an der Basis oder durch versteckte Leistungseinschränkungen entsteht. Vielmehr brauche es kluge Prioritäten, eine spürbare Entlastung der Praxen von bürokratischem Ballast und eine Finanzierung, die die Versorgung stärkt, statt sie durch Kostendeckelungen zu schwächen. In der anschließenden intensiven politischen Aussprache und der verabschiedeten Resolution zur Sicherstellung der Finanzierung des Gesundheitssystems wurden die „roten Linien“ der Ärzteschaft Sachsen-Anhalts präzise markiert. (Die Reformbausteine, die Nina Warken umsetzen will, waren zum Zeitpunkt der Kammerversammlung noch nicht vorgelegt worden – Anm. d. Red.)
Angesichts einer stetig älter werdenden und multimorbiden Gesellschaft sei es auch eine Frage der moralischen und politischen Ehrlichkeit gegenüber der Bevölkerung, einzugestehen, dass das System unweigerlich an seine Grenzen stößt. „Wir und vor allem auch die Politik müssen endlich sagen, was möglich ist und was so nicht mehr geht“, unterstrich der Präsident die Verantwortung der Politik. Es werde schmerzhafte Einschnitte geben müssen, diese dürften jedoch keinesfalls einseitig zu Lasten derer gehen, die die Leistung im direkten Patientenkontakt erbringen. Prävention als wichtige Gesundheitssäule müsse deutlicher in den Fokus gerückt werden. „Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft wieder die Kurve bekommen – hin zu mehr Miteinander, mehr Respekt, mehr Verständnis füreinander.“
Ein weiteres Kernanliegen der zweitägigen Tagung war die drängende Frage der Nachwuchsgewinnung. Prof. Ebmeyer betonte in seiner Ansprache, dass Sachsen-Anhalt im Wettbewerb um die klügsten Köpfe nicht nur als moderner Arbeitsort, sondern vor allem als lebenswerte Heimat attraktiv sein müsse. Eine verlässliche Weiterbildung trage dazu bei: „Sie entscheidet darüber, ob junge Menschen bleiben, ob sie sich entwickeln können, ob sie sich für unser Land entscheiden.“ Ein besonderes Augenmerk legte er zudem auf die Integration internationaler Mediziner, die bereits heute einen unverzichtbaren Beitrag zur Versorgung im Land leisten. Er forderte hierbei eine Willkommenskultur, die sich nicht in Worten erschöpft, sondern in Taten zeigt: „Was wir diesen Kolleginnen und Kollegen schulden, ist ein Verfahren zur Berufsanerkennung, das fair, zügig und transparent abläuft – selbstverständlich bei voller Einhaltung unserer hohen Qualitätsstandards.“ Anerkennung dürfe jedoch kein bürokratischer Hindernislauf sein; wer bereit sei, hier zu arbeiten und die nötige Qualifikation mitbringe, solle nicht an starren Verwaltungshürden scheitern.
Emotionale Augenblicke:



Die Wertschätzung für das ärztliche und ehrenamtliche Wirken weitete sich im weiteren Verlauf der Tagung auf die gesamte Kammerversammlung aus, als zwölf langjährige Kammermitglieder verabschiedet wurden, die der kommenden IX. Wahlperiode nicht mehr angehören werden. In einer Zeit, in der die Belastungen im ärztlichen Alltag oft das Limit erreichen, betonte der Präsident, dass es alles andere als selbstverständlich sei, sich neben einem anstrengenden Beruf, der für viele eine echte Berufung darstellt, zusätzlich in der Berufspolitik zu engagieren. Dieser Einsatz für die Selbstverwaltung sei das Fundament der ärztlichen Unabhängigkeit. Mit großem Dank für die über Jahre geleistete Arbeit und den besten Wünschen für den weiteren Lebensweg wurden die Kollegen unter herzlichem und langanhaltendem Applaus aus ihren Ämtern entlassen.
Der Präsident bedankte sich darüber hinaus explizit bei seinen Vorstandskolleginnen und -kollegen für deren Unterstützung, Loyalität und Ausgewogenheit. Außerdem würdigte er auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauptamtes für ihr tägliches Engagement im Rahmen der ärztlichen Selbstverwaltung – eine schöne Geste. Neben diesen emotionalen Momenten und inhaltlich tiefgehenden Debatten erledigte die Versammlung ihr umfangreiches parlamentarisches Pensum mit der gewohnten Gründlichkeit. Einstimmig verab-schiedet wurde der Tätigkeitsbericht 2025, der die Bandbreite der Gremienarbeit im Hintergrund – von der Weiterbildung bis zur Qualitätssicherung – dokumentiert. Zudem wurden wichtige Satzungsänderungen debattiert und beschlossen, darunter notwendige Anpassungen der Berufsordnung sowie der Honorar- und Entschädigungsregelung für Fortbildungsveranstaltungen, um der allgemeinen Kostenentwicklung Rechnung zu tragen. Zwei Resolutionen – zu Prävention und zur Sicherstellung der Finanzierung des Gesundheitssystems – wurden auf den Weg gebracht. Letztere auf Anregung von Dr. Jörg Böhme, der als Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung berichtete.

Technisch will sich die Kammer weiter gen Zukunft bewegen: Das neue digitale Abstimmungssystem wurde dem Plenum präsentiert. Nach einer intensiven Diskussion über die Handhabung, die Datensicherheit und die Einführungsschritte wurde festgelegt, dass dieses System zur konstituierenden Sitzung der neuen Kammerversammlung am 27. Juni seine Premiere feiern soll – Nachbesserungen inklusive, insbesondere für ein sicheres Verständnis seitens der Nutzer. Trotz anfänglicher Skepsis wurde dieser Schritt als konsequente Fortführung der Digitalisierungsstrategie der Kammer begrüßt, um künftige Entscheidungsprozesse effizienter und transparenter zu gestalten.
Die Botschaft, die nun von diesen zwei Tagen in Havelberg ausgeht, ist deutlich und richtet sich direkt an die Entscheidungsträger. Mit einer starken Resolution zur Förderung der Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung reist die Delegation aus Sachsen-Anhalt nun zum Deutschen Ärztetag nach Hannover. Die Resolution finden Sie auch auf unserer Website unter www.aeksa.de.

Wichtige Beschlüsse wurden gefasst, Resolutionen verabschiedet, konzentriert gearbeitet – hier im Bild Dr. Carola Lüke.
Darüber hinaus sollen Anträge, die unter anderem aus den Reihen der Delegierten vorgeschlagen und intensiv diskutiert wurden, vor Ort eingebracht werden. Die Themen: ein zentrales und gemeinsames Approbationsregister, um das Risiko einzudämmen, dass Informationen zum Beispiel bei einem Wechsel des Landes oder Bundeslandes verloren gehen; KIM-Anbindung von Behörden für eine unbürokratische Übermittlung von Kleingutachten oder Befunden – in Sachsen-Anhalt zum Beispiel ans Landesverwaltungsamt; einheitliche Rahmenbedingungen für Verbundweiterbildungen; eine Aktivrente auch für Freiberufler; Facharztprüfung für alle ausländischen Ärztinnen und Ärzte aus Drittstaaten um z. B. die Qualitätssicherung zu garantieren.
Wie sagte Prof. Ebmeyer in seiner Rede? „Wir sind die Ärztekammer Sachsen-Anhalt. Wir sind klein, aber wir sind klar. Wir sind eigen. Wir sind verlässlich. Wir sind konstruktiv – und wir sind unbequem, wenn es sein muss. Und wir geben nicht auf (…) Und wenn wir einen Ort brauchen, der uns daran erinnert, was Beharrlichkeit bedeutet, dann ist es Havelberg. Havelberg erinnert uns daran, dass Versorgung nicht nur Strukturen braucht, sondern Menschen, die bereit sind, für ihre Region einzustehen. Und genau diese Haltung brauchen wir – in der gesamten Ärzteschaft, in der Politik und in unserem ganzen Land.“
K. Basaran


