Ärztemangel: Delegation oder Substitution als Alternative

Dr. med. Jörg Böhme
Dr. med. Jörg Böhme

Sachsen-Anhalt verzeichnet eine weitere Abnahme der Bevölkerung mit einer relativen und absoluten Zunahme älterer Bürgerinnen und Bürger. Gleichzeitig erhöht sich die Anzahl der freien Arztsitze in der ambulanten Medizin. Aber auch in den stationären Einrichtungen macht sich insbesondere im ländlichen Raum der ärztliche Fachkräftemangel bemerkbar. Die Anzahl der Medizinstudienplätze muss erhöht werden und es muss mehr Geld für die medizinische Versorgung der Patienten bereitgestellt werden. Die Politik wird versuchen, die entstehenden Versorgungslücken durch noch mehr Delegation und auch durch die Substitution ärztlicher Leistungen zu schließen. Dies zwingt uns, sich mit diesem Thema auseinandersetzen.

Seit mehr als zehn Jahren können sich Angehörige medizinischer Berufe zur VERAH (Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis) fortbilden. Sie verfügen damit über die Kompetenz, Ärztinnen und Ärzte in der ambulanten Praxis durch die Übernahme delegierbarer medizinischer Leistungen bei der Begleitung und Unterstützung von Patienten und Angehörigen zu entlasten. Die Delegation ärztlicher Leistungen an die Versorgungsassisten ist ein Baustein zur Sicherstellung der wohnortnahen haus- und fachärztlichen Versorgung, solange es uns nicht gelingt, ausreichend Absolventen unserer medizinischen Fakultäten in Sachsen-Anhalt zu halten.

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Lehrjahre sind keine Herrenjahre!?

Thomas Dörrer
Thomas Dörrer
Foto: Archiv

Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e. V. (BVMD) startete vor einiger Zeit eine Petition „Für ein faires PJ“. Hier gab es vor allem zwei Kritikpunkte. Zum einen geht es natürlich um die Bezahlung. In Halle bekommt ein Studierender im Praktischen Jahr (PJ) 300 EUR im Monat. Dafür muss er zumindest im stationären Bereich meist in Vollzeit arbeiten. Nun werden mit Sicherheit einige von uns sagen, sie hätten das PJ auch ohne Bezahlung absolviert. Das ging mir nicht anders. Auch muss man sagen, das PJ ist Teil des Studiums, im Gegensatz zu ähnlichen universitären Ausbildungen, wie zum Beispiel bei Juristen oder Lehrern, bei denen das Referendariat zwar Teil der Ausbildung, aber eben nicht des Studiums ist. Hat also ein Studierender Anspruch auf Bezahlung in seiner praktischen Ausbildung? Schließlich hat er ja Anspruch auf BAföG?

Nun ist der Studierende im PJ im stationären Bereich zumindest in den Pflichtfächern, der Inneren Medizin und der Chirurgie zum festen Teil der Belegschaft geworden. Es wird fest mit den Studierenden gerechnet, sie haben ihren geregelten Aufgabenbereich. Blutentnahmen, intravenöse Gaben oder Haken halten im OP – ohne PJler ist das oft kaum zu schaffen. Da bekommt man das Gefühl, dass dies tatsächlich in den Personalschlüssel mit einfließt. Was würde passieren, wenn es mal keinen Studierenden im PJ gäbe? Ich würde mich freuen, wenn tatsächlich mal jede Ausbildungsstätte sich selbst hinterfragt, ob sie denn auch ohne Studierenden im PJ ihre Arbeit auf Dauer schaffen würde!

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Der Arzt als Freiberufler – ein Auslaufmodell?

Dipl.-Med. H. Thurow
Dipl.-Med. H. Thurow
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Zu Beginn des Jahres wurde eine Umfrage unter Studierenden der Medizin veröffentlicht, welche in regelmäßigen Abständen erfolgt. Sie wurden befragt, wie sie sich ihr zukünftiges Berufsleben vorstellen können. Für die meisten der Befragten war die entscheidende Frage, wie sich Beruf und Familie vereinbaren lassen. Somit können sich ca. 90 % im späteren Berufsleben ein Angestelltenverhältnis vorstellen. Die Hauptargumente für diese Entscheidung sind die überschaubaren Arbeitszeiten und der Austausch mit Kollegen, die Hauptgründe gegen eine Niederlassung sind die überbordende Bürokratie, das finanzielle und Regressrisiko.

Seit über 20 Jahren bin ich in der Niederlassung in einer Gemeinschaftspraxis tätig. Die Balance von Arbeit und Familie war damals kein Entscheidungskriterium für mich oder hatte zumindest keine so große Wertigkeit. Die eigene Praxis, die Arbeit als Freiberufler war das erstrebenswerte Ziel. Ich wollte eigenständig arbeiten, unabhängig sein, selbstständig entscheiden, wie ich meinen Arbeitsalltag gestalte, wieviel Freizeit ich habe, mit wem ich arbeite. Dies alles beflügelte meinen Mut und ließ manche Bedenken in den Hintergrund treten. Dass es ganz so einfach nicht ist, merkte ich bald: Suche nach geeigneten Räumen, deren Umbau, Verhandlungen mit Banken, Einrichtern und Vermietern, Suche nach passendem Personal. Schlechte Berater gab es zuhauf. Kaum jemand kannte sich aus – also blieb nur der viel zitierte Sprung ins kalte Wasser.

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Digitalisierung von Gesundheit konstruktiv und kritisch durchleuchten

Dr. med. Thomas Langer
Dr. med. Thomas Langer
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Diese Überschrift las ich kürzlich in einem Onlinebeitrag einer Zeitung. Sie bezog sich auf Verlautbarungen des Vorsitzenden des „Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen“, Herrn Prof. Ferdinand Gerlach, der erneut zum Vorsitzenden dieses Gremiums gewählt wurde.

Dieser erstmals 1985 eingesetzte Rat umfasst sieben Mitglieder aus den Bereichen Medizin, Ökonomie und Pflegewissenschaften. Er hat unter anderem die Aufgabe, Vorschläge für medizinische und ökonomische Orientierungsdaten vorzulegen sowie Möglichkeiten und Wege zur Weiterentwicklung des Gesundheitswesens aufzuzeigen. Thematisiert wurde in diesem aktuellen Beitrag neben der sektorenübergreifenden Zusammenarbeit und der Work-Life-Balance der jungen Ärztegeneration vor allem die Notwendigkeit einer digitalen Patientenakte. Hierbei dürfe der Datenschutz aber nicht als vorgeschobenes Argument gegen eine sinnvolle Digitalisierung der Gesundheitsversorgung missbraucht werden. Die Adressaten dieser Kritik könnten Ärztinnen und Ärzte sein, die kritisch ihren Finger in diese Wunde legen. Bis vor wenigen Jahren stellten diese Kritiker beim Ärztetag sogar die Mehrheit.

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Nicht ohne unseren ärztlichen Sachverstand

Dr. med. Gunther Gosch
Dr. med. Gunther Gosch
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„Der eine oder andere Arzt wird ab Mittwochnachmittag auf dem Golfplatz gesehen.“ Karl Lauterbach (SPD) am 20. Dezember in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ zum Ruf der Krankenkassen nach mehr Arztsprechstunden in den Abendstunden und an Samstagen.

Diese gewiss nicht einfach dahingesagte, sondern mit Kalkül getätigte Bemerkung des Gesundheitspolitikers Karl Lauterbach ordnet sich ein in den gefährlichen Kontext ehrverletzender Verunglimpfungen unseres ärztlichen Berufstandes durch vermeintliche Experten, deren Verhaftung in der Realität nicht nur des Gesundheitssystems bezweifelt werden muss. Wie kürzlich in einem offenen Brief einer jungen Assistenzärztin einer Potsdamer Hausarztpraxis stellen selbst SPD-Mitglieder die Expertise Lauterbachs in Frage. Möglicherweise ist dem Kollegen Lauterbach die Neufassung des Ärztlichen Gelöbnisses nicht bekannt. Hier gelobt der Arzt, eigene Gesundheit und Wohlergehen zu berücksichtigen, um Patienten auf höchstem Niveau behandeln zu können. Dem Arzt abzusprechen, nach den durchschnittlich 52 Arbeitsstunden allein in der Praxis Sport im Sinne der eigenen Gesunderhaltung treiben zu dürfen, ist stillos und anmaßend.

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