Digitale Health – was kommt über uns?

Prof. Dr. Udo Rebmann
Prof. Dr. Udo Rebmann

Digitalisierung hat nicht nur in Großkonzernen Einzug gehalten. Wir sind längst angekommen im digitalen Zeitalter des Gesundheitswesens. Daran werden wir auch nichts mehr ändern können. Verändern müssen wir aber unseren Umgang damit, denn besonders diese Veränderungen werden in Zukunft unser Leben bestimmen. Die medizinische Informatik entwickelt primär die Anwendung, die in Krankenhäusern, Arztpraxen, Pflegehäusern eingesetzt werden. Dagegen eröffnet die digitale Vernetzung völlig neue Möglichkeiten der Patientenüberwachung wie auch der Selbstkontrolle. Die fortschrittlichen Technologien der Smartphones ermöglichen auch für medizinische Zwecke unzählige Möglichkeiten. Vernetzungen im Gesundheitswesen und „Big Data“ sind die Trends der Zeit.

Mit dem 2016 in Kraft getretenen E-Health-Gesetz hat die Bundesregierung wichtige Ansätze auf den Weg gebracht. Dabei wird dieses Gesetz schon wieder von der Wirklichkeit überholt. Während auf der Gesundheitskarte lediglich Name, Anschrift, Geburtsdatum und Versicherungsnummer stehen, ist es mit Hilfe verschiedener angebotener Apps möglich, via Smartphone Erkrankungen von Herz, Kreislauf, Diabetes und Psyche diagnostizieren zu lassen. Diabetiker können ihre Erkrankung über Internetplattformen managen und lernen so nicht nur Blutzucker, Insulinmengen und Broteinheiten zu verwalten, sondern gleichfalls auch, wie man mit seinem Diabetes durchs Leben kommt. Die Schwangere kann täglich ihre App befragen und muss nicht auf den nächsten Termin beim Gynäkologen warten. Herzrhythmusstörungen kann der Patient selbst diagnostizieren. Sein eigenes Heim wird damit zu seinem Sprechzimmer. In der Welt der Internetmedizin bestimmt nicht mehr der Arzt, was der Patient zu tun hat, sondern der Patient wählt aus dem großen Angebot, was er für nützlich hält.

Faszinierend oder erschreckend? Es bleibt die berechtigte Frage, wie gut diese Welt tatsächlich für unsere Patienten ist? Wie valide sind die selbst erhobenen Daten? Wird Medizin dadurch menschlicher? Mit Sicherheit aber anonymer und schneller! Brauchen wir das? Wird die Verdichtung der Arbeit noch zunehmen? Wird Medizin der begrenzten Mittel noch ökonomisierter? All diese Fragen mit den daraus resultierenden Ergebnissen sind bereits übergangen, die Digitalisierung ist da. Sicher ist allerdings, dass die Ausbildung des Arztes sich nicht einfach in Software gießen lässt. Allerdings wird sich das Arzt-Patienten-Verhältnis ändern. Apps werden den Arztbesuch im Positiven nicht ersetzen, aber eher zielgerichteter gestalten. Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Akzeptanz der „Tele- oder Digitalen Medizin“ in der Bevölkerung noch überschaubar, wird sich aber in Zukunft wahrscheinlich erheblich vergrößern.

Über Datenschutz wird, was Apps angeht, noch kein Wort verloren. Während Daten resultierend aus dem E-Health-Gesetz auf „sicheren“ Wegen verwaltet werden, sind Daten der kommerziellen App-Anbieter letztendlich „freie Ware“, die einer Währung gleichen und zu Marketingzwecken, eventuell zu Forschungszwecken verkauft werden. Diese Apps werden von vielen Menschen aktuell freiwillig und begeistert mit Daten gefüttert, das ist der „Facebook-Effekt“. Andere lehnen es strikt ab. Welche der Entscheidungen überwiegen, ist derzeit völlig unklar – entscheidend wird wie immer sein, wo sich die Masse irgendwann hinbewegt und vor allem, wie die Industrie es schafft, sie zu manipulieren! Ohne Frage ergibt sich durch die Auswertung von Daten auf diesem neuen, immens schnellen Weg eine massive Beschleunigung der klinischen Forschung. Einerseits revolutionär gut, andererseits ein lauerndes gigantisches Geschäft und eine Geldmaschine. Man darf davon ausgehen, dass zwar die Datenerhebung bahnbrechend schneller und besser wird, aber dass die unangenehmen Wahrheiten in Zukunft noch viel mehr im Verborgenen bleiben werden. Wenn dieser Markt nicht irgendwie regulierbar wird, drohen hier tatsächlich auch große Gefahren für die Gesundheitsfürsorge. Vergessen wird hierbei das Charisma des Arztes im Zusammenspiel mit dem Patienten, das Gefühl, die spirituelle Seite sowie die Hinwendung und die Haptik. All diese Dinge sind entscheidend für richtige Diagnostik und Therapie.

Ob auch die im E-Health-Gesetz genannte „Telemedizin“ hinsichtlich Kostenersparnis im Gesundheitswesen positive Effekte hat, zeigt sich zurzeit nicht. Studien der hKK-Krankenkasse zeigen außer einem kleinen Nutzen nur ein großes Geschäft für die Anbieter. Nur wenn wir uns einmischen, kann das Richtige entstehen und passieren. Wir sollten kritisch sein – aber bitte nicht den alten Fehler machen, Dinge nur deshalb abzulehnen, weil sie „Neu“ sind. Alle bewährten Verfahren und Vorgehensweisen waren in der Vergangenheit auch mal „Neu“. Und bedenken Sie – bisher war die Zukunft der Medizin immer besser als die Vergangenheit.

Prof. Dr. med. Udo Rebmann
Mitglied des Vorstandes

Blick über den Tellerrand

Dipl.-Med. H. Thurow
Dipl.-Med. H. Thurow

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

da war er wieder. Herr T. – zum vierten Mal in diesem Monat. Und der Kalender offerierte noch 7 Arbeitstage bis unsere rührige Schwester Rosi mit einem energischen Handstrich das Monatsblatt abreißen würde. Er stand wie üblich mit seiner herzerweichenden „Ich weiß doch auch nicht …“-Mine auf der Türschwelle und schaute sich hilfesuchend im Behandlungszimmer um. Verständnisvoll nickend und noch unter dem positiven Eindruck einer erfolgreich verlaufenden Wirbelsäulenoperation, bot ich ihm zum vierten Mal in diesem Monat den Platz mir gegenüber an. Wie von einem imaginären Startschuss befreit, begann Herr T. noch im Stehen auch schon mit seiner umfangreichen Anamnese. Der vierten in diesem Monat. Das hatte er wohl entweder vergessen und verdrängt oder es schien mit seinem medizinischen Weltbild von einem immer und überall helfenden Arzt als durchaus vereinbar, dass er sein offensichtlich üppiges Zeitkontingent mit dem meinen verwechselte. Das Wartezimmer war voll. Mitunter auch mit Patienten, die seit vier Jahren nicht mehr bei mir waren und denen es deshalb mutmaßlich wirklich schlecht zu gehen schien. Natürlich trug Herr T. ein seiner Meinung nach quasi hoffnungslos erscheinendes Krankheitsbild vor, dessen jetziges Auftreten nach den umfangreichen Untersuchungen der drei vorangegangenen Besuche in einem sich eigentlich fast ausschließenden Verhältnis stand. Ich nutzte eine der seltenen Pausen zwischen seinen Diagnoseversuchen, um den flüchtigen Gedanken an Molières „Der eingebildet Kranke“ nachzuhängen. In Herrn T.'s Fall handelte es sich augenscheinlich nicht um einen eingebildeten Kranken angesichts seiner Ignoranz für die Belange der Mitmenschen im vollen Wartezimmer.

Liebe Kolleginnen und Kollege, diese kleine überspitzte Geschichte steht sinnbildlich dafür, dass die Effizienz unseres Gesundheitswesens mitunter auch von Faktoren abhängt, die von uns Ärzten nicht immer beeinflussbar sind.

Wir haben ein Gesundheitswesen, welches – trotz aller Unkenrufe von Permanentnörgeln – eines ist, das den Patienten in den Mittelpunkt stellt. Nicht immer effizient, aber immer menschlich. Sicher ist es müßig, darüber zu streiten, ob durch eine erhöhte Selbstbeteiligung mehr Druck auf den Patienten ausgeübt und somit vielleicht sogar eine Effizienzsteigerung des Systems erreicht werden kann. Wer mehr will, muss mehr oder öfter bezahlen. Quasi der Beginn der medizinischen Marktwirtschaft. Und: vielleicht überlegt sich Herr T. dann ja, ob ein erneuter Arztbesuch wirklich notwendig ist!? Eines ist jedoch gewiss: Ich mag ihn mir trotzdem nicht in einem Gesundheitswesen vorstellen, welches durch einen Regierungswechsel à la USA von heute auf morgen zerschlagen werden kann. Obama-Care scheint gescheitert, noch bevor es seine Richtigkeit nachweisen konnte.

Wir wissen alle nicht, was jetzt kommt. Wir wissen nicht, wie das Gesundheitswesen der USA aussehen wird, dass der neue Präsident der Vereinigten Staaten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als Weisheit letzter Schluss propagieren wird. Vielleicht auch deshalb nicht, weil wir uns zu wenig in die amerikanische Seele hineindenken und -fühlen können. Sicher ist die Auffassung „Du musst für Dich selbst sorgen“ ausgeprägter und tiefer verwurzelt im Denken und Handeln der amerikanischen Bevölkerung als wir uns das vorstellen können. Mag unser Gesundheitssystem auch manchmal fehlerhaft, manchmal unzureichend, manchmal ineffizient oder bald nicht mehr finanzierbar erscheinen: eines ist es, im Vergleich zu Amerika, jedenfalls: solidarisch. Ein Blick über den Tellerrand kann uns auch vermitteln, dass der unsrige gar nicht so schlecht gefüllt ist. Kritisch und produktiv streitbar zu sein, sowie aufrichtigen Gedankens, Verbesserungen einzufordern, ist das hoffnungsvolle Grundprinzip für jede gute Entwicklung. Sicher, aber auch Gutes zu sehen und zu pflegen, kann motivieren und vorantreiben.

Lassen sie uns dieses, unser solidarisches Gesundheitssystem bewahren und noch effizienter aufstellen. Aber immer solidarisch! Auch beim fünften Besuch von Herrn T. in diesem Monat.

Dipl.-Med. H. Thurow
Geschäftsstelle Dessau

Selbstverwaltung in Gefahr

Dr. Simone Heinemann-Meerz
Dr. Simone Heinemann-Meerz

GKV-Selbstverwaltungsstärkungsgesetz ist ein verheerendes Signal an unsere ehrenamtlich engagierten Kollegen

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

in der Gesundheitspolitik ist es derzeit en vogue, Gesetzen den Zusatz „Stärkung“ zu verpassen. Das klingt kraftvoll und vorwärtsgewandt. Ob die Bezeichnung zu Inhalten und Zielsetzung der Initiative passt, ist hingegen zweitrangig. So ist es auch mit dem sogenannten GKV-Selbstverwaltungsstärkungsgesetz. Darin sucht man vergebens nach stärkenden Elementen. Vielmehr engt der Gesetzgeber durch vielfältige Durchgriffsrechte und Genehmigungsvorbehalte die Handlungsspielräume der Selbstverwaltung ein. Dass die Neuregelungen primär die Körperschaften auf Bundesebene betreffen, beruhigt dabei nur wenig.

Denn die Politik distanziert sich damit einmal mehr von dem Erfolgsmodell „Selbstverwaltung“. Und sie gibt denen Rückenwind, denen unsere bürgernahe Selbstverwaltung aus rein ideologischen Gründen ein Dorn im Auge ist und die lieber heute als morgen auf Staatsmedizin und Einheitskasse umschalten wollen.

Um nicht missverstanden zu werden: Es gibt Gründe dafür, warum der Gesetzgeber gerade jetzt tätig geworden ist. Gemeint sind Fehlentwicklungen in der vertragsärztlichen Interessenvertretung auf Bundesebene, von denen wir in den letzten Monaten viel zu häufig lesen und hören mussten.
Wir dürfen aber auch nicht über das Ziel hinausschießen. So darf nicht übersehen werden, dass der Gesetzgeber seinerzeit aus gutem Grund auf Korporatismus gesetzt und einen großen Teil seiner Regelungskompetenz im Gesundheitswesen auf die Selbstverwaltungsorganisationen übertragen hat. Aufgrund ihrer Sachkenntnis, ihrer Nähe zur Praxis und ihrer Bindung zu ihren Mitgliedern lösen die Selbstverwaltungsorganisationen viele diffizile Detailregelungen besser und effizienter als es der Gesetzgeber auf Bundes- und Landesebene könnte.

Gäbe es die ärztliche Selbstverwaltung nicht, wäre zudem die Gefahr von regional stark unterschiedlichen Regelungen in Gesundheitsfragen nicht von der Hand zu weisen. Den Ärztekammern und der Bundesärztekammer ist es zu verdanken, dass wir über Ländergrenzen hinweg weitgehend übereinstimmende Rechtsgrundlagen für die ärztliche Berufsausübung haben – etwa in Fragen der Qualität ärztlichen Handelns oder aber auch bei der Aufsicht über die Einhaltung beruflicher und ethischer Normen. Man stelle sich den bundesweiten Flickenteppich vor, gäbe es diese einheitlichen Rechtsgrundlagen nicht.

Mit dem GKV-Selbstverwaltungsstärkungsgesetz erleben wir nun einen sukzessiven Wandel von der Rechtsaufsicht durch das Bundesgesundheitsministerium hin zu einer de facto Fachaufsicht. Beispiele hierfür sind die weitgehenden Mitgestaltungsmöglichkeiten durch die Aufsicht, kleinteilige Verfahrensvorschriften, bürokratieintensive Berichtspflichten sowie weitreichende Genehmigungsvorbehalte und Durchgriffsrechte selbst für Detailfragen. Damit sendet das Gesetz ein verheerendes Signal an die vielen Tausend ehrenamtlich engagierten Menschen in unseren Selbstverwaltungsgremien. Sie raffen sich nach langen Arbeitstagen auf, um sich in Kammerversammlungen oder Arbeitskreisen berufspolitisch zu engagieren. Nun müssen sie befürchten, dass die Kompetenzen der ärztlichen Selbstverwaltung und damit ihre eigenen Gestaltungsmöglichkeiten immer weiter eingeschränkt werden.

Wir müssen diese Situation als Chance begreifen. Dabei sind alle gefordert: Die Organisationen der Selbstverwaltung müssen gewohnte Strukturen und Abläufe hinterfragen und da wo es nötig ist, neue Wege gehen. Und die Politik ist aufgefordert, der ärztlichen Selbstverwaltung wieder die Gestaltungsspielräume zu geben, die sie für die Sicherung einer hochwertigen gesundheitlichen Versorgung der Patientinnen und Patienten benötigt.

Wir werden allen Tendenzen, die geeignet sind, die Selbstverwaltung in Frage zu stellen, als starke – sich ihres elitären Auftrages bewussten Ärzteschaft – mit Engagement und Verantwortung entgegentreten.

Ihre Dr. Simone Heinemann-Meerz
Präsidentin

Es geht nur gemeinsam

Thomas Dörrer
Thomas Dörrer

Konkurrenzdenken ist der falsche  Ansatz – und keine Lösung

Liebe Kollegen und Kolleginnen,

vor einiger Zeit veröffentlichte die KBV eine Statistik, wonach im Jahr 2020 bundesweit 7000 Hausärzte fehlen. Wir alle kennen die Zahlen aus Sachsen-Anhalt, über 800 vakante Hausarztstellen in den nächsten Jahren. Das ist eine erschreckende Zahl. Und dies in einer Zeit, wo immer höhere Spezialisierungen und immer komplexere und diffizilere diagnostische Mittel zur Verfügung stehen. Wer soll den Patienten durch dieses Dickicht der komplexen Medizin führen? Bitte fragen Sie sich, welcher Spezialist diese Aufgabe erfüllen soll? Oder soll der Patient dies in Eigenverantwortung selbst erledigen? Dies kann doch nur im Chaos enden, ganz zu schweigen von den explodierenden Kosten und den nicht abzusehenden gesundheitlichen Risiken für unsere Patienten. Nein, genau in dieser Zeit braucht es einen gut ausgebildeten Generalisten, der sich dazu noch mit den sozialmedizinischen und psychosomatischen Problemen dieser Gesellschaft und Zeit auskennt. Dies kann am besten ein Allgemeinmediziner und liebe Kollegen und Kolleginnen, Allgemeinmedizin ist kein Nebenfach eines anderen Faches! Ganz im Gegenteil! Dazu muss die Ausbildung schon im Studium beginnen!

Bedrückend für mich ist das Wissen, dass für diese Fehlentwicklung vor allem die Konkurrenz zwischen den Arztgruppen die Ursache ist. Schließlich steuern wir seit langem in Richtung Hausärztemangel und die ärztliche Selbstverwaltung ändert erst jetzt, nicht zuletzt auf Drängen des Gesetzgebers, ihren Kurs. Das ist beschämend! Ich frage mich, warum das so ist? In welcher Form bedroht denn eine gute Hausarztpräsenz die anderen Fachgruppen. Das Gegenteil ist doch der Fall. Der Großteil der Arzt-Patientenkontakte erfolgt doch wegen Bagatellerkrankungen. Möchte der Spezialist sich wirklich damit beschäftigen? Soll tatsächlich ein Patient mit einer Gastroenteritis beim Gastroenterologen oder gar in einer Notaufnahme versorgt werden? Meine lieben spezialisierten Kollegen, liebe Klinikärzte, das können Sie nicht wollen! Auf der anderen Seite stößt der Hausarzt natürlich an seine Grenzen. Jeder Spezialist stellt doch in seinem Fach, nicht zuletzt durch die immer höhere Spezialisierung ein Alleinstellungsmerkmal dar, welche wir in der Patientenversorgung brauchen und nicht missen dürfen. In meinen Augen stellt sich hier mitnichten eine Konkurrenzsituation dar.

Ganz im Gegenteil, die suffizienteste und auch kostengünstigste Patientenversorgung ist eine gute, breite Hausarztpräsenz in der Peripherie, mit Netzwerken und Kontakten zu den spezialisierten Gebietsärzten jeglicher Couleur. Und wenn beide an ihre Grenzen stoßen oder natürlich bei entsprechenden Indikationen benötigen wir gut ausgebildete Klinikärzte in den Krankenhäusern.

Meine Damen und Herren, liebe Kollegen, wir brauchen einander! Also lassen Sie uns bitte gemeinsam die Zukunft gestalten. Dies geht aber nur, wenn wir mit Vernunft und Objektivität, ohne persönliche Befindlichkeiten oder Polemik, auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Nennen Sie mich blauäugig oder naiv, aber ich glaube daran, dass das funktioniert.

Meine lieben Kollegen und Kolleginnen, ein sehr ereignisreiches Jahr liegt hinter uns. Das schönste steht uns aber erst jetzt bevor. Es ist an der Zeit, den Gang mal ein wenig raus zu nehmen. Richten Sie Ihre Konzentration auf die viel wichtigeren Dinge des Lebens, nämlich die Familie. Genießen Sie ein paar ruhige, besinnliche Tage im Kreise Ihrer Lieben und ohne den Alltagsstress. Erfreuen Sie sich an den strahlenden Augen Ihrer Kinder oder Enkel, wenn diese Ihre Geschenke auspacken. Entspannen Sie sich zusammen mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin am Weihnachtsbaum, auf dass wir alle wieder mit vollem Elan ins Jahr 2017 starten.

In diesem Sinne wünsche ich ein besinnliches und gesegnetes Weihnachtsfest und ein gesundes neues Jahr. Ich freue mich auf ein Wiedersehen in 2017.

Ihr Thomas Dörrer

Willkommen in der eMedizin

Dr. med. Peter Wolf
Dr. med. Peter Wolf

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

das Jahr 2016 neigt sich langsam dem Ende zu und während viele gedanklich mit den Vorbereitungen für das Weihnachtsfest beschäftigt sind, läuft fast unbemerkt die Umsetzung des E-Health-Gesetzes auf Hochtouren. Schon 2004 hatte der Gesetzgeber mit dem Gesundheitsmodernisierungsgesetz die Grundlagen für die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) und der Telematikinfrastruktur gelegt. Nun sind 12 Jahre vergangen und die eGK ist flächendeckend bei den Versicherten der gesetzlichen Krankenversicherung angekommen, was fehlt sind die Anwendungen. Die Ärzteschaft hat diesem Prozess von jeher eher skeptisch ablehnend gegenüber gestanden. Auf jedem deutschen Ärztetag gab es seitdem zum Großprojekt „Elektronische Gesundheitskarte“ kontroverse Diskussionen, regelmäßig wurden Entschließungen verabschiedet, die die Bedenken der Delegierten zum Ausdruck brachten. Der 109. Deutsche Ärztetag 2006 in Magdeburg forderte „Mehr Zeit für die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte“ und dass die finanziellen und organisatorischen Aufwendungen der Ärzte und Leistungserbringer angemessen vergütet werden. 2014 in Düsseldorf hieß es dann im Antrag VII-76: „In den vergangenen acht Jahren hat sich herausgestellt, dass das eGK-Projekt nicht geeignet ist, eine moderne, sichere, patienten- und arztdienliche elektronische Kommunikation im Gesundheitswesen zu befördern.“

Seit dem 1. Januar 2016 ist nun das Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen in Kraft und Minister Gröhe macht gewaltig Druck bei der Umsetzung sowie bei der Implementierung der Anwendungen der digitalen Infrastruktur im Gesundheitswesen. Mit seiner Überzeugung „Mit dem E-Health-Gesetz treiben wir den Fortschritt im Gesundheitswesen voran. Dabei stehen Patientennutzen und Datenschutz im Mittelpunkt.“ und einem im Gesetz verankerten straffen Zeitplan sollen bis Mitte 2018 Arztpraxen und Krankenhäuser flächendeckend an die Telematik-Infrastruktur angeschlossen sein. Sonst drohen Sanktionen, Haushaltskürzung in Höhe von 10-15 %. Jetzt stehen Ärzte, Kassen und Industrie „gleichermaßen in der Pflicht, die gesetzlichen Vorgaben im Sinne der Patienten zügig umzusetzen.“ Als Vorspiel haben ab dem 01.10.2016 die Versicherten Anspruch auf einen bundeseinheitlichen Medikationsplan - BMP. Danach wird es für uns interessant: 01.01.2017 Versand von eArztbriefen, 01.01.2018 Notfalldaten und Medikationsplan auf der eGK, 01.01.2019 eine ePatientenakte unter Verfügungsgewalt des Patienten. Und für all diese Funktionen benötigt der Arzt einen eArztausweis. Dazu kommt die elektronische Prüfung des Versicherungsnachweises auf der eGK und Aktualisierung der Versichertenstammdaten (Versichertenstammdatenmanagement – VSDM), die bisher vehement von der Ärzteschaft abgelehnt wurde. Bis spätestens zum 01. Juli 2018 müssen dafür alle Vertragsärzte an die Infrastruktur angeschlossen sein und das VSDM durchführen. Andernfalls droht ihnen ein Honorarabzug in Höhe von 1 %. Spätestens jetzt dürfte dem Letzen klar sein, dass sich eine Diskussion zur Sinnhaftigkeit des eArztausweises erübrigt hat. Es hilft auch kein Lamentieren, das vor allem wir Niedergelassenen mal nebenbei auch für die gesamte benötigte Infrastruktur zuständig gemacht wurden. Da fragt man sich schon, wer am großen Lobby-Rad gedreht hat. Denn den eArztausweis gibt es selbstverständlich nicht umsonst, monatliche Kosten z. Zt. 7,90 €. Um ihn benutzen zu können, benötigt man einen Kartenleser (60 bis 100 €). Über den verschlüsselten Kommunikationskanal KV-Connect können Ärzte und Psychotherapeuten auf elektronischem Weg Nachrichten und Daten sicher austauschen. Voraussetzung für die Nutzung von KV-Connect ist ein Zugang zum Sicheren Netz der KVen, idealerweise mit KV-SafeNet. Das gibt es ab 10 €/Monat von einem zertifizierten Anbieter. Einrichtung inklusive Technikerbesuch ab 200 € aufwärts. Da sind die 300 € Förderung von der KV schnell aufgebraucht. Aber dafür bekommt man dann auch was: 0,55 € dürfen sich Sender und Empfänger vom eArztbrief teilen. Die Kostenpauschale EBM-Nr. 40120 für den Briefversand auch per Fax beträgt ebenfalls 55 Cent. Ich denke, wenn man den eArztbrief wirklich fördern will, muss man noch eine kleine Motivation nachlegen.
Wer sich jetzt spontan zur Beantragung des eArztausweises entschlossen hat, nutzt hierzu am bequemsten das Kammerportal unserer Ärztekammer.

Ich habe bewusst auf eine polemische Auseinandersetzung mit dem Thema verzichtet. Die jungen Kollegen hätten mir sonst wenig aufgeschlossene Haltung dem digitalen Fortschritt gegenüber attestieren können. Ich fürchte allerdings, dass ein Bürokratieabbau und eine Erleichterung der täglichen Arbeit nicht Ziel des E-Health-Gesetzes war. Kommunikation unter Ärzten hat es immer gegeben, die Qualität des Austausches an Informationen lag eher in der Hand der Beteiligten. Die Idee mit dem Notfalldatensatz ist sicher gut, aber ob im Notfall immer auch ein Lesegerät zur Stelle ist, muss bezweifelt werden. Profitieren werden sicher wieder andere, zum einen die Industrie und zum anderen die Krankenkassen, zu deren Erfüllungsgehilfen wir uns wieder machen lassen mussten.

Dr. med. Peter Wolf